1 Aussteuerung
2 Was bedeutet Aussteuerung?
Mit Aussteuerung ist im deutschen Sozialrecht meist das Ende des Anspruchs auf Krankengeld gemeint.
Wer wegen derselben Krankheit längere Zeit arbeitsunfähig ist, kann grundsätzlich bis zu 78 Wochen innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren Krankengeld für diese Erkrankung erhalten. Ist die maximale Bezugsdauer erreicht, endet die Krankengeldzahlung durch die gesetzliche Krankenkasse. Man spricht dann von einer Aussteuerung.
Die Aussteuerung bedeutet nicht automatisch, dass man wieder gesund oder arbeitsfähig ist. Auch nach dem Ende des Krankengeldes kann weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit bestehen.
3 Was passiert nach der Aussteuerung?
Nach der Aussteuerung fällt das Krankengeld als Einkommen weg. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig darum zu kümmern, wie der Lebensunterhalt anschließend gesichert werden kann.
Je nach persönlicher Situation können beispielsweise folgende Leistungen oder Wege relevant sein:
- Arbeitslosengeld I
- Arbeitslosengeld nach der sogenannten Nahtlosigkeitsregelung (§ 145 SGB III)
- Erwerbsminderungsrente
- Bürgergeld beziehungsweise andere existenzsichernde Leistungen, sofern die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind
- Rückkehr in das Arbeitsleben, wenn die Arbeitsfähigkeit wieder ausreichend hergestellt ist
Welche Möglichkeit infrage kommt, hängt unter anderem davon ab, wie hoch die verbliebene Arbeitsfähigkeit ist, ob ein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht und ob bereits ein Rentenverfahren läuft.
4 Die Nahtlosigkeitsregelung
Besonders wichtig kann nach einer Aussteuerung die sogenannte Nahtlosigkeitsregelung nach § 145 SGB III sein.
Sie kann greifen, wenn jemand weiterhin gesundheitlich eingeschränkt ist und deshalb voraussichtlich für längere Zeit nicht in der Lage ist, unter den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes ausreichend zu arbeiten, gleichzeitig aber noch nicht abschließend geklärt ist, ob eine Erwerbsminderung vorliegt.
In solchen Fällen kann unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin Arbeitslosengeld I gezahlt werden, obwohl die betroffene Person tatsächlich nicht arbeitsfähig ist.
Die Agentur für Arbeit kann dabei unter anderem eine Untersuchung durch den Ärztlichen Dienst veranlassen.
5 Arbeitsunfähigkeit bleibt bestehen
Ein häufiger Irrtum ist:
Zitat„Wenn ich ausgesteuert werde, bin ich wieder arbeitsfähig.“
Das stimmt nicht.
Die Aussteuerung betrifft zunächst den Anspruch auf Krankengeld. Sie sagt nichts darüber aus, ob die zugrunde liegende Erkrankung verschwunden ist.
Eine Person kann beispielsweise weiterhin wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig sein, obwohl die Krankenkasse nach Ablauf der maximalen Krankengeldbezugsdauer kein Krankengeld mehr zahlt.
6 Was bedeutet die Aussteuerung für Menschen mit psychischen Erkrankungen?
Gerade bei länger andauernden psychischen Erkrankungen kann die Aussteuerung eine zusätzliche Belastung darstellen.
Betroffene können beispielsweise mit folgenden Problemen konfrontiert sein:
- Angst vor dem finanziellen Verlust
- Unsicherheit über die berufliche Zukunft
- Druck durch Behörden und Anträge
- Sorge vor einer Begutachtung
- Gefühl, zwischen Krankenkasse, Arbeitsagentur und Rentenversicherung „hin- und hergeschoben“ zu werden
- Angst davor, trotz bestehender Erkrankung wieder arbeiten zu müssen
- Überforderung durch Formulare und Fristen
Bei Borderline, Depressionen, Traumafolgestörungen oder anderen psychischen Erkrankungen können solche zusätzlichen Belastungen besonders schwer fallen.
Deshalb kann es hilfreich sein, wichtige Schreiben und Fristen gemeinsam mit einer Vertrauensperson, Beratungsstelle oder sozialrechtlich erfahrenen Unterstützung durchzugehen.
7 Was sollte man vor der Aussteuerung beachten?
Eine Aussteuerung sollte möglichst nicht erst am letzten Tag organisiert werden.
Sinnvoll kann es sein, frühzeitig zu klären:
- Wann genau endet der Krankengeldanspruch?
- Welche Leistungen kommen danach infrage?
- Muss Arbeitslosengeld beantragt werden?
- Ist die Nahtlosigkeitsregelung relevant?
- Läuft bereits ein Antrag auf Erwerbsminderungsrente?
- Welche Unterlagen werden benötigt?
- Welche Fristen müssen eingehalten werden?
Die Krankenkasse kann über das voraussichtliche Ende des Krankengeldanspruchs informieren.
8 Aussteuerung und Erwerbsminderungsrente
Eine Aussteuerung bedeutet nicht automatisch, dass man Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente hat.
Die Erwerbsminderungsrente wird von der Deutschen Rentenversicherung nach eigenen Voraussetzungen geprüft.
Dabei spielt insbesondere eine Rolle, in welchem Umfang eine Person aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen noch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten kann.
Vereinfacht gesagt wird unter anderem zwischen
- voller Erwerbsminderung,
- teilweiser Erwerbsminderung und
- fehlender Erwerbsminderung
unterschieden.
Ein laufender Rentenantrag kann deshalb parallel zu anderen sozialrechtlichen Leistungen bestehen.
9 Was ist mit dem Arbeitgeber?
Auch nach einer Aussteuerung bleibt das Arbeitsverhältnis grundsätzlich bestehen, solange es nicht auf andere Weise beendet wurde.
Die Aussteuerung ist keine Kündigung.
Ob und wann eine Rückkehr in den Beruf möglich ist, hängt von der gesundheitlichen Situation und den weiteren Umständen ab.
Wenn eine Rückkehr grundsätzlich möglich erscheint, können beispielsweise eine stufenweise Wiedereingliederung oder andere Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation eine Rolle spielen.
10 Typische Missverständnisse
10.1 „Ausgesteuert bedeutet arbeitslos.“
Nicht automatisch. Die Aussteuerung beendet den Krankengeldanspruch. Das Arbeitsverhältnis kann weiterhin bestehen.
10.2 „Nach der Aussteuerung muss ich sofort wieder arbeiten.“
Nicht automatisch. Entscheidend ist die tatsächliche gesundheitliche und sozialrechtliche Situation.
10.3 „Nach 78 Wochen bekomme ich automatisch Bürgergeld.“
Nein. Welche Leistung anschließend infrage kommt, hängt von den individuellen Voraussetzungen ab.
10.4 „Wenn ich ausgesteuert bin, bekomme ich automatisch eine Erwerbsminderungsrente.“
Nein. Eine Erwerbsminderungsrente muss beantragt und von der Rentenversicherung geprüft werden.
11 Wichtig: Die 78 Wochen sind nicht immer einfach zu berechnen
Die häufig genannte Zahl von 78 Wochen bedeutet nicht einfach, dass man immer exakt 78 Wochen ab dem ersten Krankheitstag zählen kann.
Bei der Berechnung können beispielsweise frühere Zeiten der Arbeitsunfähigkeit wegen derselben Erkrankung und gesetzliche Regelungen zur Anrechnung eine Rolle spielen.
Wer unsicher ist, wann die Aussteuerung tatsächlich erfolgt, sollte sich deshalb das konkrete Enddatum des Krankengeldanspruchs von der Krankenkasse bestätigen lassen.
12 Was kann nach der Aussteuerung helfen?
Eine gute Vorbereitung kann viel Druck herausnehmen.
Hilfreich kann sein, einen Ordner mit folgenden Unterlagen anzulegen:
- Schreiben der Krankenkasse
- Bescheide der Agentur für Arbeit
- medizinische Befunde
- Arztberichte
- Krankenhaus- und Reha-Berichte
- Bescheide der Rentenversicherung
- Anträge und deren Eingangsbestätigungen
- wichtige Fristen
Außerdem kann es sinnvoll sein, bei schwierigen Behördenangelegenheiten Unterstützung mitzunehmen oder sich beraten zu lassen.
13 Kurz zusammengefasst
Aussteuerung bedeutet in erster Linie das Ende des Krankengeldanspruchs nach Erreichen der maximalen Bezugsdauer.
Sie bedeutet nicht, dass die betroffene Person gesund ist, das Arbeitsverhältnis automatisch endet oder automatisch eine Erwerbsminderungsrente erhält.
Nach der Aussteuerung muss geklärt werden, wie die finanzielle Absicherung weitergeht. Je nach Situation können insbesondere Arbeitslosengeld I, die Nahtlosigkeitsregelung, Erwerbsminderungsrente oder andere Sozialleistungen eine Rolle spielen.
ZitatMerksatz: Ausgesteuert zu sein bedeutet nicht, gesund zu sein – es bedeutet zunächst, dass der Krankengeldanspruch ausgeschöpft ist.
Hinweis: Dieser Lexikonartikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle sozialrechtliche Beratung. Gerade bei Aussteuerung, Arbeitslosengeld und Erwerbsminderungsrente können persönliche Umstände entscheidend sein.