1 Selbstverletzendes Verhalten (SVV)
Selbstverletzendes Verhalten (SVV) bezeichnet Handlungen, bei denen sich eine Person absichtlich körperlichen Schmerz oder Verletzungen zufügt, ohne die Absicht zu haben, sich das Leben zu nehmen. Bei vielen Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist SVV ein häufiges Symptom und dient vor allem der emotionalen Regulation.
SVV ist kein Zeichen von Aufmerksamkeitssuche, sondern Ausdruck innerer Not, Überforderung oder emotionaler Schmerzen, die sich anders kaum bewältigen lassen.
2 Warum kommt SVV bei Borderline vor?
Menschen mit Borderline erleben Gefühle oft intensiver und schwerer kontrollierbar. SVV kann kurzfristig Entlastung schaffen, wenn:
- Emotionen überwältigend sind
- Gefühle von Leere oder innerer Taubheit bestehen
- starke Anspannung kaum auszuhalten ist
- Dissoziation den Bezug zum Körper mindert
- Scham, Wut oder Selbsthass überhandnehmen
Das Verhalten wirkt wie ein kurzer „Reset-Knopf“ – bringt aber langfristig neue Probleme und verstärkt die Spirale aus Schmerz und Schuldgefühlen.
3 Typische Funktionen von SVV
SVV erfüllt oft mehrere psychische Funktionen gleichzeitig:
3.1 1. Spannungsabbau
Starker emotionaler Druck wird durch Schmerz kurzfristig reduziert.
3.2 2. Emotionale Regulation
SVV kann Gefühle wie Wut, Angst oder Ohnmacht für einen Moment kontrollierbarer machen.
3.3 3. Beenden von Dissoziation
Körperlicher Schmerz stellt oft wieder Kontakt zum eigenen Körper her („wieder spüren“).
3.4 4. Selbstbestrafung
Viele Betroffene fühlen sich wertlos, schuldig oder „falsch“ und bestrafen sich selbst.
3.5 5. Kommunikation
Nicht als Manipulation, sondern als Ausdruck innerer Not, wenn Sprache nicht reicht („Ich halte es nicht aus“).
4 Formen von SVV
SVV kann unterschiedliche Formen annehmen, beispielsweise:
- Schneiden
- Kratzen
- Schlagen oder sich stoßen
- Verbrennen
- Haut aufreißen oder Wunden manipulieren
- extremes Risikoverhalten (indirektes SVV)
Diese Handlungen werden meist heimlich durchgeführt und gehen mit Scham und Angst vor Bewertung einher.
5 Risiken und Folgen
- Infektionen oder Narbenbildung
- ungewollte schwere Verletzungen
- Schuld- und Schamgefühle
- sozialer Rückzug
- Verstärkung der Abhängigkeit von SVV als Coping-Strategie
SVV ist keine gesunde Bewältigungsstrategie – aber für Betroffene oft die einzige kurzfristig wirksame Lösung, die sie kennen.
6 Umgang mit SVV
6.1 Kurzfristige Alternativen (Skills)
- intensive kalte Reize (Eiswürfel, kaltes Wasser)
- scharfe Gewürze oder Duftöle
- Igelball, Gummiband, Knetmasse
- kraftvolle körperliche Bewegung
- Achtsamkeits- und Atemtechniken
Diese Methoden ersetzen SVV nicht vollständig, helfen aber, Krisensituationen zu überbrücken.
6.2 Langfristige Strategien
- Erlernen neuer Bewältigungsmechanismen (DBT-Module)
- Arbeiten an Trauma, Selbstwert und Gefühlen
- Aufbau stabiler sozialer Unterstützung
- Erkennen von Triggern und Mustern
- Reduktion von Stress und Überforderung
Professionelle Therapie ist der wichtigste Schritt, um SVV nachhaltig zu reduzieren.
7 Wann professionelle Hilfe wichtig ist
- bei wiederholtem oder schwerem SVV
- bei Gefahr ernsthafter Verletzungen
- wenn SVV mit Suizidgedanken einhergeht
- wenn SVV zum einzigen Coping-Mechanismus geworden ist
Therapieformen wie DBT, Schematherapie oder Traumatherapie haben nachweislich gute Erfolge im Umgang mit SVV.
8 Wichtiger Hinweis
Selbstverletzendes Verhalten ist ein Symptom, keine Charaktereigenschaft. Es zeigt, dass die Person leidet und Unterstützung braucht – keine Vorwürfe oder Bewertung. Heilung ist möglich, und viele Betroffene schaffen es, SVV langfristig zu beenden.