1 Identitätsunsicherheit
2 Was ist Identitätsunsicherheit?
Identitätsunsicherheit beschreibt das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer man selbst ist, was man möchte, wofür man steht oder welche Eigenschaften zur eigenen Persönlichkeit gehören.
Jeder Mensch kann sich im Laufe des Lebens verändern und seine Identität weiterentwickeln. Gerade in Phasen von Umbruch, Stress oder persönlichen Krisen kann es normal sein, sich selbst neu zu hinterfragen.
Bei einer ausgeprägten Identitätsunsicherheit kann dieses Gefühl jedoch deutlich stärker sein und den Alltag, Beziehungen und Entscheidungen beeinflussen.
Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung kann eine instabile oder unsichere Identität ein wichtiges Thema sein.
3 Wie kann sich Identitätsunsicherheit anfühlen?
Betroffene können beispielsweise das Gefühl haben:
- „Ich weiß nicht, wer ich eigentlich bin.“
- „Ich weiß nicht, was ich wirklich möchte.“
- „Ich weiß nicht, was zu mir passt.“
- „Ich habe keine klare Vorstellung von meiner Zukunft.“
- „Ich fühle mich wie eine andere Person, je nachdem, mit wem ich zusammen bin.“
- „Ich weiß nicht, welche Eigenschaften wirklich zu mir gehören.“
- „Ich habe das Gefühl, keine richtige Persönlichkeit zu haben.“
- „Ich passe mich ständig an andere Menschen an.“
Manchmal entsteht dabei ein Gefühl von innerer Leere oder Orientierungslosigkeit.
4 Identitätsunsicherheit bei Borderline
Bei Borderline kann die eigene Wahrnehmung von sich selbst besonders instabil sein.
Das kann sich beispielsweise darin zeigen, dass sich Vorstellungen über
- die eigene Persönlichkeit,
- Werte,
- Ziele,
- Wünsche,
- Beziehungen,
- berufliche Zukunft,
- Selbstbild
stark verändern können.
Eine Person kann sich an einem Tag selbstbewusst, unabhängig und stark erleben und sich kurze Zeit später wertlos, schwach oder völlig orientierungslos fühlen.
Das bedeutet nicht, dass die betroffene Person „keine Persönlichkeit“ besitzt.
Vielmehr kann es schwierig sein, ein stabiles und zusammenhängendes Bild von sich selbst aufrechtzuerhalten.
5 Ein Beispiel aus dem Alltag
Eine Person interessiert sich sehr für ein bestimmtes Hobby und ist überzeugt:
Zitat„Das ist genau mein Ding. Das gehört zu mir.“
Einige Wochen später lernt sie jemanden kennen, der sich für ein völlig anderes Thema begeistert.
Die Person übernimmt zunehmend dessen Interessen und denkt:
Zitat„Eigentlich interessiert mich das viel mehr. Vielleicht war mein bisheriges Hobby gar nicht wirklich meins.“
Das muss nicht automatisch problematisch sein. Menschen dürfen Interessen verändern.
Schwierig kann es werden, wenn die eigenen Interessen und Vorstellungen immer wieder vollständig an andere Menschen angepasst werden und kaum noch klar ist, was man selbst unabhängig davon möchte.
6 Anpassung an andere Menschen
Eine mögliche Folge von Identitätsunsicherheit kann eine starke Anpassung an das Umfeld sein.
Beispielsweise:
- Man übernimmt die Meinung anderer.
- Man passt Kleidung oder Verhalten stark an andere an.
- Man übernimmt Interessen des Partners oder der Freunde.
- Man sagt häufig das, was andere hören möchten.
- Man verändert Zukunftspläne abhängig von der jeweiligen Beziehung.
- Man hat Schwierigkeiten, eigene Wünsche zu benennen.
Dahinter muss keine bewusste Täuschung stehen.
Oft kann die Anpassung unbewusst geschehen und mit dem Wunsch verbunden sein, dazuzugehören, akzeptiert zu werden oder Konflikte zu vermeiden.
7 „Wer bin ich, wenn ich alleine bin?“
Eine häufige Frage bei Identitätsunsicherheit kann sein:
Zitat„Wer bin ich eigentlich, wenn niemand anderes da ist?“
Manche Betroffene erleben sich in Beziehungen sehr unterschiedlich.
Mit einer bestimmten Person fühlen sie sich beispielsweise:
Zitat„stark, mutig und selbstbewusst.“
Mit einer anderen Person:
Zitat„ängstlich, unsicher und abhängig.“
Beides kann sich echt anfühlen.
Die Herausforderung besteht darin, zunehmend ein eigenes Selbstbild zu entwickeln, das nicht ausschließlich davon abhängt, wer gerade gegenübersteht.
8 Identitätsunsicherheit und Selbstwert
Identitätsunsicherheit kann eng mit einem instabilen Selbstwert verbunden sein.
Wenn das eigene Selbstbild unsicher ist, kann die Bewertung durch andere Menschen besonders wichtig werden.
Ein Lob kann dann beispielsweise zu dem Gefühl führen:
Zitat„Ich bin doch ein guter Mensch.“
Kritik kann dagegen schnell auslösen:
Zitat„Ich bin wertlos.“
Dadurch kann der eigene Selbstwert stark von äußeren Rückmeldungen abhängig werden.
9 Identitätsunsicherheit und Beziehungen
Beziehungen können bei Identitätsunsicherheit eine besonders große Bedeutung bekommen.
Eine nahestehende Person kann beispielsweise Sicherheit, Orientierung und ein Gefühl von Identität vermitteln.
Das kann sich zunächst sehr angenehm anfühlen.
Problematisch wird es, wenn das eigene Gefühl für sich selbst fast vollständig von einer anderen Person abhängig wird.
Dann kann beispielsweise der Gedanke entstehen:
Zitat„Ohne diese Person weiß ich überhaupt nicht, wer ich bin.“
Hier können sich Identitätsunsicherheit und Verlassenheitsangst gegenseitig verstärken.
Die Angst vor dem Verlust einer Beziehung kann dann nicht nur bedeuten:
Zitat„Ich verliere einen wichtigen Menschen.“
sondern zusätzlich:
Zitat„Ich verliere damit einen Teil von mir selbst.“
10 Identitätsunsicherheit und Splitting
Auch ein Zusammenhang mit Splitting ist möglich.
Wenn das eigene Selbstbild instabil ist, kann sich auch die Wahrnehmung der eigenen Person stark verändern.
Beispielsweise:
Zitat„Ich bin ein guter Mensch.“
Nach einem Fehler:
Zitat„Ich bin ein schrecklicher Mensch.“
Oder:
Zitat„Ich kann alles schaffen.“
nach einer Enttäuschung:
Zitat„Ich kann überhaupt nichts.“
Hier wird nicht nur eine andere Person schwarz-weiß bewertet. Auch das eigene Selbstbild kann zwischen verschiedenen Extremen schwanken.
11 Identitätsunsicherheit ist nicht dasselbe wie Identitätslosigkeit
Ein wichtiger Unterschied:
Identitätsunsicherheit bedeutet nicht automatisch:
Zitat„Ich habe überhaupt keine Identität.“
Jeder Mensch entwickelt seine Identität im Laufe des Lebens weiter.
Auch gesunde Veränderung gehört dazu.
Man darf beispielsweise:
- neue Interessen entdecken,
- seine Meinung ändern,
- neue Ziele entwickeln,
- sich beruflich verändern,
- andere Beziehungen eingehen,
- neue Seiten an sich entdecken.
Entscheidend ist eher, ob Veränderungen frei gewählt sind oder ob man sich selbst kaum noch unabhängig von anderen Menschen wahrnehmen kann.
12 Was kann helfen?
Identität entwickelt sich nicht auf einmal. Sie kann durch viele kleine Erfahrungen stabiler werden.
Hilfreich kann es sein, sich regelmäßig mit eigenen Bedürfnissen, Werten und Interessen auseinanderzusetzen.
12.1 Eigene Wünsche erkunden
Frage dich:
Zitat„Was möchte ich – unabhängig davon, was andere von mir erwarten?“
Dabei können ganz einfache Dinge gemeint sein:
- Was möchte ich heute essen?
- Welche Musik gefällt mir?
- Wie möchte ich meine Freizeit verbringen?
- Mit wem möchte ich Zeit verbringen?
- Was möchte ich nicht?
12.2 Eigene Werte kennenlernen
Überlege:
Zitat„Was ist mir im Leben wirklich wichtig?“
Zum Beispiel:
- Ehrlichkeit
- Freiheit
- Sicherheit
- Nähe
- Hilfsbereitschaft
- Gerechtigkeit
- Selbstständigkeit
- Kreativität
Es gibt dabei keine „richtigen“ Werte. Wichtig ist, dass sie sich für dich persönlich stimmig anfühlen.
12.3 Ein persönliches Profil erstellen
Eine hilfreiche Übung kann sein, eine Liste mit folgenden Punkten anzulegen:
Das mag ich:
- …
Das mag ich nicht:
- …
Das ist mir wichtig:
- …
Darin bin ich gut:
- …
Das möchte ich lernen:
- …
Das sind meine Grenzen:
- …
Darauf bin ich stolz:
- …
Das möchte ich in meinem Leben verändern:
- …
Die Liste muss nicht perfekt sein. Sie darf sich mit der Zeit verändern.
13 Kleine eigene Entscheidungen treffen
Wenn man sich stark an anderen orientiert, kann es hilfreich sein, bewusst kleine Entscheidungen selbst zu treffen.
Zum Beispiel:
Zitat„Heute entscheide ich selbst, welchen Film ich schauen möchte.“
Oder:
Zitat„Ich sage ehrlich, dass ich heute lieber zu Hause bleiben möchte.“
Solche kleinen Entscheidungen können helfen, die eigene Wahrnehmung für persönliche Bedürfnisse wieder zu stärken.
14 Nicht jede Anpassung ist schlecht
Anpassungsfähigkeit ist grundsätzlich eine wichtige soziale Fähigkeit.
In unterschiedlichen Situationen verhalten wir uns automatisch etwas anders.
Wir sprechen beispielsweise mit einem guten Freund anders als mit einer Behörde oder bei einem Vorstellungsgespräch.
Das bedeutet nicht automatisch, dass wir keine stabile Identität haben.
Problematisch kann es eher werden, wenn man regelmäßig das Gefühl hat:
Zitat„Ich weiß nicht mehr, was davon eigentlich wirklich ich bin.“
oder:
Zitat„Ich mache fast alles davon abhängig, was andere Menschen wollen.“
15 Therapie und Identitätsentwicklung
Identitätsunsicherheit kann in einer Psychotherapie gezielt bearbeitet werden.
Besonders bei Borderline können beispielsweise DBT, MBT, Schema-Therapie oder TFP hilfreiche Ansätze sein.
Dabei kann unter anderem gelernt werden,
- eigene Gefühle besser wahrzunehmen,
- eigene Bedürfnisse zu erkennen,
- widersprüchliche Eigenschaften gleichzeitig anzunehmen,
- persönliche Werte zu entwickeln,
- Grenzen zu setzen,
- Beziehungen unabhängiger zu gestalten,
- ein stabileres Selbstbild aufzubauen.
Das Ziel ist nicht, sich niemals mehr zu verändern.
Es geht vielmehr darum, Veränderung und persönliche Kontinuität miteinander zu verbinden.
16 Ein hilfreicher Gedanke
Identität muss nicht bedeuten:
Zitat„Ich bin für immer genau so.“
Eine stabilere Identität kann auch bedeuten:
Zitat„Ich darf mich verändern, ohne mich dabei selbst zu verlieren.“
Du kannst gleichzeitig unterschiedliche Seiten haben.
Du kannst beispielsweise:
- stark und verletzlich sein,
- unabhängig und gleichzeitig Nähe brauchen,
- selbstbewusst und unsicher sein,
- Fehler machen und trotzdem ein wertvoller Mensch bleiben.
Diese Gegensätze müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.
17 Kurz zusammengefasst
Identitätsunsicherheit bedeutet, dass das eigene Selbstbild, die eigenen Wünsche, Werte oder Ziele nicht stabil oder klar erlebt werden.
Bei Borderline kann sich dieses Selbstbild besonders stark verändern und von Beziehungen, Situationen oder emotionalen Zuständen beeinflusst werden.
Eine wichtige Entwicklung besteht darin, zunehmend herauszufinden:
Was fühle ich? Was brauche ich? Was möchte ich? Was sind meine Werte? Wo liegen meine Grenzen?
Dabei muss die eigene Identität nicht perfekt oder unveränderlich sein.
ZitatMerksatz: Eine stabile Identität bedeutet nicht, immer gleich zu bleiben. Sie bedeutet, sich verändern zu können und trotzdem ein Gefühl dafür zu behalten, wer man selbst ist.
Hinweis: Dieser Lexikonartikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.