1 Chronisches Gefühl der Leere
2 Was ist das chronische Gefühl der Leere?
Ein chronisches Gefühl der Leere beschreibt einen anhaltenden oder immer wiederkehrenden inneren Zustand, der sich wie eine emotionale, innere oder existenzielle Leere anfühlen kann.
Betroffene beschreiben häufig das Gefühl, dass etwas fehlt, ohne genau sagen zu können, was es ist.
Es kann sich beispielsweise so anfühlen:
Zitat„In mir ist nichts.“
Zitat„Ich fühle mich innerlich leer.“
Zitat„Irgendwie ist alles sinnlos.“
Zitat„Ich funktioniere nur noch.“
Zitat„Ich weiß nicht, was ich eigentlich fühlen soll.“
Das Gefühl der Leere kann bei verschiedenen psychischen Belastungen vorkommen. Es ist jedoch insbesondere als häufiges Merkmal der Borderline-Persönlichkeitsstörung bekannt.
3 Wie fühlt sich innere Leere an?
Innere Leere kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich erlebt werden.
Manche Betroffene empfinden sie als:
- emotionale Taubheit
- Langeweile
- Sinnlosigkeit
- innere Einsamkeit
- Gefühllosigkeit
- Orientierungslosigkeit
- fehlende Motivation
- fehlendes Interesse
- das Gefühl, nicht richtig „da“ zu sein
- ein Gefühl von „Nichts“
- das Bedürfnis, dieses unangenehme Gefühl irgendwie loszuwerden
Manchmal ist die Leere ruhig und dumpf.
Bei anderen Menschen kann sie dagegen sehr quälend sein und zu starker innerer Anspannung führen.
4 Leere ist nicht einfach Langeweile
Langeweile bedeutet normalerweise:
Zitat„Ich habe gerade nichts zu tun und weiß nicht, womit ich mich beschäftigen soll.“
Innere Leere kann dagegen bestehen, obwohl eigentlich etwas passiert.
Man kann beispielsweise mit anderen Menschen zusammen sein, fernsehen, Musik hören oder unterwegs sein und sich trotzdem innerlich vollkommen leer fühlen.
Deshalb lässt sich chronische innere Leere häufig nicht einfach durch Beschäftigung beseitigen.
5 Innere Leere bei Borderline
Bei Borderline gehört ein chronisches Gefühl der Leere zu den häufig beschriebenen Symptomen.
Die Leere kann dabei mit anderen Schwierigkeiten verbunden sein, beispielsweise:
- Identitätsunsicherheit
- Verlassenheitsangst
- Angst vor Zurückweisung
- emotionaler Instabilität
- Dissoziation
- Impulsivität
- Selbstverletzungsdruck
- Schwierigkeiten mit Beziehungen
Besonders belastend kann sein, dass Betroffene die Leere nicht genau erklären können.
Es kann sich einfach so anfühlen, als würde etwas im Inneren fehlen.
6 Ein Beispiel aus dem Alltag
Eine Person hat einen eigentlich schönen Tag.
Sie trifft Freunde, lacht, isst gemeinsam und unterhält sich.
Nach außen wirkt alles normal.
Trotzdem bleibt innerlich das Gefühl:
Zitat„Irgendwie war da nichts.“
Zu Hause kommt dann möglicherweise die Leere besonders stark zurück.
Die Person sitzt beispielsweise auf dem Sofa und fragt sich:
Zitat„Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“
Das kann zusätzlich zu Frustration, Traurigkeit oder Selbstzweifeln führen.
7 Warum entsteht innere Leere?
Es gibt nicht die eine Ursache für chronische innere Leere.
Bei Borderline können verschiedene Faktoren zusammenspielen.
Dazu können beispielsweise gehören:
- Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation
- ein instabiles Selbstbild
- belastende Beziehungserfahrungen
- starke Angst vor Verlassenwerden
- Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen
- chronische emotionale Anspannung
- traumatische Erfahrungen
- Dissoziation
- depressive Symptome
Nicht jeder Mensch mit Borderline erlebt innere Leere gleich.
Auch Menschen ohne Borderline können zeitweise ein starkes Gefühl von Leere erleben.
8 Innere Leere und Dissoziation
Innere Leere kann sich teilweise ähnlich wie Dissoziation anfühlen.
Bei einer Dissoziation können beispielsweise Wahrnehmung, Gefühle oder das Erleben der eigenen Person verändert sein.
Man kann sich beispielsweise fühlen:
Zitat„Ich bin irgendwie nicht richtig da.“
Oder:
Zitat„Alles fühlt sich weit weg an.“
Bei innerer Leere steht dagegen stärker das Gefühl im Vordergrund, innerlich nichts oder zu wenig zu empfinden.
Beide Zustände können allerdings gleichzeitig auftreten.
9 Innere Leere und Depression
Auch bei Depressionen kann ein Gefühl von Leere entstehen.
Bei einer Depression stehen häufig zusätzlich Symptome wie
- anhaltende Niedergeschlagenheit,
- Interessenverlust,
- Antriebsmangel,
- Hoffnungslosigkeit,
- Schlafveränderungen,
- Schuldgefühle
im Vordergrund.
Das bedeutet: Innere Leere ist nicht automatisch ein Zeichen für Borderline.
Eine genaue Einordnung sollte immer den gesamten Verlauf und weitere Symptome berücksichtigen.
10 Warum kann Leere zu impulsivem Verhalten führen?
Wenn sich innere Leere sehr unangenehm anfühlt, kann ein starker Wunsch entstehen, irgendetwas zu fühlen.
Manche Menschen suchen dann unbewusst nach sehr intensiven Erfahrungen.
Zum Beispiel:
- Streit
- riskantes Verhalten
- Alkohol oder andere Substanzen
- impulsives Kaufen
- extremes Verhalten
- intensive Beziehungen
- Selbstverletzung
Dabei kann kurzfristig eine Veränderung des inneren Zustands eintreten.
Das Problem ist, dass solche Strategien langfristig zusätzliche Probleme verursachen können.
Gerade Selbstverletzung kann beispielsweise kurzfristig die innere Leere oder Anspannung verändern, führt aber nicht zu einer dauerhaften Lösung.
11 Was kann im Moment helfen?
Wenn die Leere sehr stark ist, kann es zunächst hilfreich sein, nicht gegen sie anzukämpfen.
Du kannst versuchen, den Zustand wahrzunehmen:
Zitat„Ich fühle mich gerade leer.“
Danach kann eine sanfte Aktivierung hilfreich sein.
Zum Beispiel:
- warm duschen
- einen Spaziergang machen
- Musik hören
- etwas kochen
- einen Tee trinken
- mit jemandem telefonieren
- etwas Kreatives machen
- ein Haustier streicheln
- einen kurzen Ortswechsel machen
- einen Skill einsetzen
Dabei muss das Ziel nicht sein:
Zitat„Ich muss jetzt sofort glücklich werden.“
Es reicht zunächst:
Zitat„Ich möchte meinen inneren Zustand ein kleines Stück verändern.“
12 Sinneserfahrungen können helfen
Gerade bei emotionaler Leere können bewusste Sinneserfahrungen hilfreich sein.
Zum Beispiel:
Sehen:
Eine bestimmte Farbe suchen oder bewusst die Umgebung betrachten.
Hören:
Musik hören und einzelne Instrumente wahrnehmen.
Fühlen:
Eine weiche Decke, einen warmen Tee oder einen Gegenstand in der Hand bewusst spüren.
Riechen:
Eine angenehme Creme, einen Duft oder frische Luft wahrnehmen.
Schmecken:
Etwas langsam und bewusst essen.
Solche Übungen ersetzen keine Behandlung, können aber helfen, wieder stärker mit dem gegenwärtigen Moment in Kontakt zu kommen.
13 Was langfristig helfen kann
Wenn innere Leere regelmäßig auftritt oder sehr belastend ist, kann Psychotherapie helfen.
Bei Borderline können insbesondere therapeutische Ansätze wie DBT, MBT, Schema-Therapie oder TFP eingesetzt werden.
Dabei können unter anderem folgende Fähigkeiten entwickelt werden:
- Gefühle besser wahrnehmen
- eigene Bedürfnisse erkennen
- innere Zustände verstehen
- Emotionen regulieren
- Beziehungen stabiler gestalten
- Selbstwert entwickeln
- eigene Werte und Ziele kennenlernen
- mit Alleinsein umgehen lernen
- zwischen Leere, Traurigkeit, Dissoziation und anderen Zuständen unterscheiden
Ein wichtiger Bestandteil kann dabei sein, herauszufinden:
Zitat„Was brauche ich eigentlich, wenn ich mich leer fühle?“
Manchmal braucht es Ablenkung.
Manchmal Nähe.
Manchmal Ruhe.
Manchmal körperliche Aktivierung.
Und manchmal professionelle Unterstützung.
14 Leere aushalten lernen
Ein wichtiges Ziel muss nicht sein, jede Leere sofort verschwinden zu lassen.
Manchmal kann es hilfreich sein, zu lernen:
Zitat„Dieses Gefühl ist unangenehm, aber ich muss nicht sofort etwas dagegen tun.“
Das kann zunächst schwerfallen.
Mit der Zeit kann jedoch die Erfahrung entstehen, dass innere Leere kommt und wieder geht, ohne dass man impulsiv handeln muss.
15 Ein persönlicher Notfallplan
Wenn das Gefühl der Leere regelmäßig sehr stark wird, kann ein persönlicher Plan hilfreich sein.
15.1 Wenn ich mich leer fühle:
1. Wahrnehmen:
„Ich fühle mich gerade leer.“
2. Anspannung überprüfen:
„Wie stark ist mein Zustand von 0 bis 10?“
3. Bedürfnis herausfinden:
„Brauche ich gerade Ruhe, Nähe, Bewegung, Ablenkung oder etwas anderes?“
4. Einen Skill auswählen:
Eine konkrete Strategie ausprobieren.
5. Zeit geben:
Nicht erwarten, dass sich das Gefühl innerhalb weniger Minuten vollständig verändert.
6. Hilfe holen:
Wenn die Leere in starke Krisen oder Selbstverletzungs- beziehungsweise Suizidgedanken übergeht, Unterstützung suchen.
16 Innere Leere bedeutet nicht, dass man „nichts ist“
Ein besonders schmerzhafter Gedanke kann sein:
Zitat„Wenn ich mich innerlich leer fühle, bin ich selbst leer.“
Das ist nicht dasselbe.
Ein Gefühl beschreibt einen aktuellen inneren Zustand. Es definiert nicht den Wert oder die Identität eines Menschen.
Auch wenn sich die eigene Persönlichkeit gerade unsicher oder leer anfühlt, bedeutet das nicht, dass keine Persönlichkeit vorhanden ist.
17 Kurz zusammengefasst
Das chronische Gefühl der Leere beschreibt einen anhaltenden oder wiederkehrenden Zustand innerer Leere, Gefühllosigkeit, Sinnlosigkeit oder fehlender Verbundenheit.
Bei Borderline kann dieses Gefühl besonders ausgeprägt sein und mit Identitätsunsicherheit, Verlassenheitsangst, Dissoziation und impulsivem Verhalten zusammenhängen.
Es kann sehr belastend sein, ist aber kein unveränderlicher Zustand.
Therapeutische Unterstützung, DBT-Skills, ein besseres Verständnis der eigenen Bedürfnisse und das Erlernen von Emotionsregulation können dabei helfen, mit der Leere anders umzugehen.
ZitatMerksatz: Innere Leere ist ein Gefühl – keine Definition deiner Person. Du bist nicht „leer“, nur weil du dich gerade leer fühlst.
Hinweis: Dieser Lexikonartikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.