1 Was sind Stimmungsschwankungen?
Stimmungsschwankungen beschreiben deutliche Veränderungen der emotionalen Stimmung. Jeder Mensch erlebt im Laufe des Tages unterschiedliche Gefühle. Freude, Traurigkeit, Ärger, Angst oder Enttäuschung sind normale Bestandteile des menschlichen Erlebens.
Von ausgeprägten Stimmungsschwankungen spricht man eher dann, wenn sich die Stimmung deutlich, schnell oder besonders intensiv verändert und dadurch der Alltag oder zwischenmenschliche Beziehungen belastet werden.
Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung können Stimmungsschwankungen besonders intensiv auftreten. Sie gehören zu den häufig beschriebenen Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation.
2 Wie können sich Stimmungsschwankungen anfühlen?
Betroffene können erleben, dass sich ihre Stimmung innerhalb kurzer Zeit stark verändert.
Beispielsweise:
Zitat„Vor einer Stunde war ich noch glücklich und plötzlich bin ich völlig verzweifelt.“
Oder:
Zitat„Eben war ich noch ruhig, dann ist etwas Kleines passiert und meine Stimmung ist komplett gekippt.“
Mögliche emotionale Zustände sind:
- Freude
- Begeisterung
- Traurigkeit
- Angst
- Wut
- Scham
- Verzweiflung
- innere Leere
- Gereiztheit
- Erleichterung
Die Gefühle können dabei nicht nur wechseln, sondern auch sehr intensiv erlebt werden.
3 Stimmungsschwankungen bei Borderline
Bei Borderline können Stimmungsschwankungen besonders stark mit zwischenmenschlichen Ereignissen verbunden sein.
Ein scheinbar kleiner Auslöser kann eine große emotionale Reaktion hervorrufen.
Beispiele:
- Eine Nachricht wird nicht beantwortet.
- Ein Treffen wird abgesagt.
- Eine Person wirkt plötzlich distanziert.
- Jemand macht eine kritische Bemerkung.
- Eine Bezugsperson zeigt besonders viel Nähe.
- Ein Konflikt entsteht.
- Eine Person setzt eine Grenze.
Die Stimmung kann sich dadurch innerhalb kurzer Zeit verändern.
4 Ein Beispiel aus dem Alltag
Eine Person bekommt morgens eine liebe Nachricht von einer wichtigen Bezugsperson.
Zitat„Sie denkt an mich. Ich bin ihr wichtig.“
Die Stimmung ist gut.
Einige Stunden später kommt auf eine Nachricht keine Antwort.
Zitat„Warum antwortet sie nicht?“
Die Unsicherheit steigt.
Daraus kann werden:
Zitat„Bestimmt ist sie sauer auf mich.“
Die Stimmung kippt in Angst oder Wut.
Später kommt eine Antwort:
Zitat„Sorry, ich war beschäftigt.“
Die Erleichterung ist groß und die Stimmung verbessert sich wieder.
Der gesamte Verlauf kann sich innerhalb weniger Stunden abspielen.
5 Stimmungsschwankungen und emotionale Dysregulation
Bei Borderline hängen Stimmungsschwankungen häufig mit einer Emotionsregulationsschwierigkeit zusammen.
Das bedeutet nicht, dass Gefühle „falsch“ oder übertrieben sind.
Vielmehr können Gefühle
- schneller ausgelöst werden,
- stärker ausfallen,
- länger nachwirken
- und schwieriger wieder herunterreguliert werden.
Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung kann deshalb sein, nicht nur die Stimmung selbst zu beobachten, sondern den gesamten Ablauf:
Auslöser → Gedanken → Gefühl → körperliche Reaktion → Verhalten → Folgen
6 Wie schnell können Stimmungsschwankungen auftreten?
Das ist individuell sehr unterschiedlich.
Bei Borderline können emotionale Veränderungen teilweise innerhalb von Minuten oder Stunden auftreten. Häufig stehen sie dabei im Zusammenhang mit konkreten Ereignissen oder zwischenmenschlichen Situationen.
Das unterscheidet solche Stimmungsschwankungen beispielsweise von den längeren Stimmungsepisoden, die bei einer bipolaren Störung auftreten können.
Eine bipolare Manie oder Hypomanie dauert typischerweise deutlich länger und beinhaltet ein charakteristisches Muster aus Veränderungen von Stimmung, Antrieb, Aktivität und Schlaf.
Schnelle Stimmungsschwankungen allein bedeuten deshalb nicht, dass eine bipolare Störung vorliegt.
7 Stimmungsschwankungen sind nicht automatisch Borderline
Stimmungsschwankungen kommen bei sehr vielen Menschen vor.
Sie können beispielsweise durch
- Stress
- Schlafmangel
- Überforderung
- Konflikte
- hormonelle Veränderungen
- körperliche Erkrankungen
- Medikamente
- Alkohol oder andere Substanzen
- Depressionen
- Angststörungen
- ADHS
- bipolare Störungen
- Traumafolgestörungen
beeinflusst werden.
Deshalb kann aus Stimmungsschwankungen allein keine Borderline-Diagnose abgeleitet werden.
8 Stimmungsschwankungen und Trigger
Bei Borderline können sogenannte Trigger eine wichtige Rolle spielen.
Ein Trigger ist ein Reiz oder eine Situation, die eine besonders starke emotionale Reaktion auslöst.
Beispielsweise:
Trigger:
Eine Person antwortet ungewöhnlich kurz.
Gedanke:
„Sie ist sauer auf mich.“
Gefühl:
Angst.
Körper:
Herzklopfen und starke Anspannung.
Weitere Interpretation:
„Sie wird mich verlassen.“
Reaktion:
Wut oder Verzweiflung.
Dabei ist wichtig, zwischen dem Auslöser und der Bedeutung, die ihm gegeben wird, zu unterscheiden.
9 Stimmungsschwankungen und Splitting
Starke Stimmungsschwankungen können auch mit Splitting verbunden sein.
Beispielsweise kann sich die Wahrnehmung einer Person zusammen mit der Stimmung verändern.
Bei positiver Stimmung:
Zitat„Sie ist ein wundervoller Mensch.“
Bei starker Enttäuschung:
Zitat„Sie ist einfach nur gemein.“
Später kann sich die Bewertung wieder verändern.
Dabei ist die Person nicht unbedingt objektiv völlig anders geworden. Vielmehr kann sich die eigene Wahrnehmung unter dem Einfluss starker Emotionen verändern.
10 Stimmungsschwankungen und innere Leere
Nicht alle Stimmungsschwankungen bestehen aus einem Wechsel zwischen „gut“ und „schlecht“.
Manche Betroffene erleben beispielsweise:
Anspannung → Wut → Weinen → Leere → Erleichterung
Die innere Leere kann dabei nach einer starken emotionalen Phase auftreten.
Manche Menschen beschreiben anschließend:
Zitat„Ich fühle einfach gar nichts mehr.“
Auch dieser Wechsel kann sehr belastend sein.
11 Was kann im akuten Moment helfen?
Wenn du bemerkst, dass deine Stimmung gerade sehr schnell kippt, kann eine kurze Pause hilfreich sein.
11.1 1. Stimmung benennen
Zitat„Meine Stimmung ist gerade innerhalb kurzer Zeit stark abgesunken.“
11.2 2. Auslöser suchen
Zitat„Was ist unmittelbar vorher passiert?“
11.3 3. Gedanken überprüfen
Zitat„Was denke ich gerade über die Situation?“
11.4 4. Fakten und Interpretation trennen
Fakt:
„Die Person hat noch nicht geantwortet.“
Interpretation:
„Sie will mich nicht mehr.“
11.5 5. Anspannung reduzieren
Je nach Situation können beispielsweise helfen:
- langsames Atmen
- kaltes Wasser
- Bewegung
- Musik
- Ablenkung
- Achtsamkeit
- STOP-Skill
- andere individuell passende DBT-Skills
11.6 6. Wichtige Entscheidungen verschieben
Wenn die emotionale Intensität sehr hoch ist, sollte man – wenn möglich – keine endgültigen Entscheidungen über Beziehungen, Arbeit oder andere wichtige Lebensbereiche treffen.
12 Ein Stimmungstagebuch kann helfen
Ein Stimmungstagebuch kann dabei helfen, persönliche Muster zu erkennen.
Notiert werden können beispielsweise:
Datum/Uhrzeit:
Wann hat sich meine Stimmung verändert?
Stimmung:
Wie fühle ich mich?
Intensität:
Wie stark ist das Gefühl von 0–10?
Auslöser:
Was ist passiert?
Gedanke:
Was habe ich gedacht?
Verhalten:
Was habe ich anschließend getan?
Dauer:
Wie lange hat die Stimmung angehalten?
Was hat geholfen?
Welche Strategie hat die Stimmung wieder stabilisiert?
Nach einigen Wochen können sich bestimmte Muster zeigen.
13 Was kann langfristig helfen?
Starke Stimmungsschwankungen können in einer Psychotherapie gezielt behandelt werden.
Bei Borderline ist insbesondere die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ein wichtiger Therapieansatz.
Dort werden unter anderem Fähigkeiten in folgenden Bereichen vermittelt:
Auch andere psychotherapeutische Verfahren können bei der Behandlung von Borderline eingesetzt werden.
Ein wichtiges Ziel ist dabei nicht, keine Stimmungsschwankungen mehr zu haben.
Vielmehr geht es darum:
ZitatGefühle früher wahrzunehmen, ihre Intensität besser zu regulieren und nicht automatisch nach jedem Gefühl handeln zu müssen.
14 Schlaf, Stress und Alltag
Die eigene Stimmung kann zusätzlich durch alltägliche Faktoren beeinflusst werden.
Besonders relevant können sein:
- Schlafmangel
- unregelmäßige Tagesstruktur
- dauerhafter Stress
- zu wenig Erholung
- Konflikte
- Überforderung
- Alkohol oder andere Substanzen
- fehlende Mahlzeiten
Eine möglichst regelmäßige Tagesstruktur kann deshalb unterstützend sein.
Das bedeutet nicht, dass eine perfekte Routine notwendig ist. Bereits kleine stabile Gewohnheiten können hilfreich sein.
15 Was Angehörige wissen sollten
Für Angehörige können starke Stimmungsschwankungen schwer verständlich sein.
Es kann beispielsweise passieren, dass eine Person morgens sehr liebevoll und wenige Stunden später sehr wütend ist.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die vorherigen Gefühle gespielt waren.
Beide emotionalen Zustände können in ihrem jeweiligen Moment echt gewesen sein.
Gleichzeitig bedeutet Verständnis nicht, dass Angehörige jedes Verhalten akzeptieren müssen.
Beschimpfungen, Drohungen oder Gewalt müssen nicht als „Teil von Borderline“ hingenommen werden. Auch Menschen mit Borderline haben die Möglichkeit, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen und neue Strategien zu erlernen.
16 Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?
Professionelle Unterstützung ist besonders sinnvoll, wenn Stimmungsschwankungen
- den Alltag erheblich beeinträchtigen,
- Beziehungen regelmäßig belasten,
- zu Selbstverletzungsdruck führen,
- mit Suizidgedanken verbunden sind,
- zu stark impulsivem Verhalten führen,
- sehr häufig oder zunehmend stärker auftreten.
Auch eine plötzlich neu auftretende oder ungewöhnlich starke Veränderung der Stimmung sollte ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt werden.
17 Kurz zusammengefasst
Stimmungsschwankungen sind Veränderungen der emotionalen Stimmung, die bei Borderline besonders schnell und intensiv auftreten können.
Häufig werden sie durch zwischenmenschliche Situationen, Stress oder andere Trigger ausgelöst. Die Gefühle können sehr stark sein und sich innerhalb kurzer Zeit wieder verändern.
Stimmungsschwankungen sind jedoch nicht automatisch ein Zeichen für Borderline oder eine bipolare Störung. Für eine Diagnose muss das gesamte Symptombild betrachtet werden.
Ein wichtiger Schritt im Umgang damit ist, den eigenen Kreislauf zu erkennen:
ZitatAuslöser → Gedanke → Gefühl → Verhalten → Folge
Je früher man erkennt, dass die emotionale Anspannung steigt, desto größer ist die Möglichkeit, mit einem passenden Skill gegenzusteuern.
ZitatMerksatz: Gefühle können sich sehr schnell verändern. Du musst nicht jede Stimmung bekämpfen – aber du kannst lernen, sie wahrzunehmen, zu regulieren und nicht automatisch nach ihr zu handeln.
Hinweis: Dieser Lexikonartikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.