1 Was sind dissoziative Zustände?
Dissoziation bezeichnet eine vorübergehende Veränderung des Erlebens, bei der normalerweise miteinander verbundene Bereiche wie Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, Körpergefühl oder das Erleben der eigenen Person teilweise voneinander getrennt oder verändert wahrgenommen werden.
Dissoziative Erfahrungen können bei vielen Menschen vorkommen, beispielsweise bei starker Müdigkeit, Stress oder einer sehr intensiven Konzentration. Bei psychischer Belastung können sie jedoch deutlich stärker ausgeprägt sein und als sehr beunruhigend erlebt werden.
Auch bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung können dissoziative Symptome auftreten. Häufig stehen sie dabei im Zusammenhang mit starker Anspannung, emotionaler Überflutung oder belastenden Triggern.
Dissoziation ist dabei keine bewusste Entscheidung. Sie kann als eine automatische Reaktion des Nervensystems verstanden werden, wenn eine Situation emotional oder körperlich als zu belastend erlebt wird.
2 Wie kann sich Dissoziation anfühlen?
Dissoziative Zustände können sehr unterschiedlich aussehen. Manche Menschen bemerken nur leichte Veränderungen, andere erleben eine deutlich stärkere Entfremdung.
Typische Erfahrungen können sein:
- das Gefühl, „nicht richtig da“ zu sein
- eine unwirkliche oder traumartige Wahrnehmung
- das Gefühl, von sich selbst getrennt zu sein
- emotionale Taubheit oder Leere
- Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen
- das Gefühl, den eigenen Körper von außen zu beobachten
- die Umgebung wirkt fremd oder unecht
- Geräusche oder Stimmen wirken verändert oder weit entfernt
- Zeit scheint langsamer oder schneller zu vergehen
- Konzentrations- und Orientierungsschwierigkeiten
- Erinnerungslücken für einzelne Ereignisse oder Zeitabschnitte
Nicht jeder dissoziative Zustand beinhaltet Erinnerungslücken. Dissoziation kann auch vorhanden sein, während man sich grundsätzlich an das Geschehen erinnert.
3 Depersonalisation und Derealisation
Zwei häufig verwendete Begriffe sind Depersonalisation und Derealisation.
3.1 Depersonalisation
Bei einer Depersonalisation verändert sich das Erleben der eigenen Person oder des eigenen Körpers.
Beispielsweise kann sich der eigene Körper fremd anfühlen. Manche Menschen beschreiben das Gefühl, neben sich zu stehen, sich selbst wie aus der Distanz zu beobachten oder die eigenen Handlungen automatisch auszuführen.
3.2 Derealisation
Bei einer Derealisation wirkt die Umgebung verändert oder unwirklich.
Die Welt kann beispielsweise wie ein Film, Traum oder eine Kulisse erscheinen. Menschen oder vertraute Orte können plötzlich fremd wirken, obwohl man weiß, wo man ist und wer die Personen sind.
Wichtig ist: Bei einer solchen Erfahrung kann durchaus weiterhin das Wissen vorhanden sein:
„Es fühlt sich gerade unwirklich an, aber ich weiß, dass die Welt tatsächlich real ist.“
4 Wie entsteht Dissoziation?
Dissoziative Zustände können durch eine starke Aktivierung des Stresssystems begünstigt werden.
Ein möglicher Ablauf ist:
Trigger → starke Emotion → zunehmende Anspannung → Überforderung → dissoziative Reaktion
Bei manchen Menschen tritt Dissoziation besonders dann auf, wenn die emotionale Belastung ein bestimmtes persönliches Niveau überschreitet.
Auslöser können beispielsweise sein:
- Konflikte
- Angst vor Ablehnung oder Verlust
- starke Scham
- Erinnerungen an belastende Erfahrungen
- intensive zwischenmenschliche Situationen
- emotionale Überflutung
- sehr hohe körperliche Anspannung
- Überforderung oder Reizüberflutung
Manchmal lässt sich der konkrete Auslöser nicht sofort erkennen.
5 Dissoziation und Borderline
Dissoziative Symptome können bei Borderline insbesondere während starker emotionaler Belastung auftreten. Dabei können sie gemeinsam mit anderen Symptomen wie intensiver Angst, Wut, Verzweiflung oder emotionaler Überflutung auftreten.
Es ist wichtig, nicht jede ungewöhnliche Wahrnehmung oder Konzentrationsschwierigkeit automatisch als Dissoziation zu interpretieren. Ähnliche Erfahrungen können auch andere Ursachen haben.
Wenn solche Zustände häufig auftreten, sehr stark sind oder mit deutlichen Erinnerungslücken verbunden sind, kann es sinnvoll sein, dies mit einer psychotherapeutischen oder ärztlichen Fachperson zu besprechen.
6 Was kann während eines dissoziativen Zustands helfen?
Wenn man bemerkt, dass man dissoziiert, kann es hilfreich sein, sich wieder stärker im Hier und Jetzt zu orientieren.
6.1 Orientierung
Man kann sich bewusst fragen:
- Wo bin ich?
- Welcher Tag ist heute?
- Wie spät ist es ungefähr?
- Was habe ich gerade gemacht?
- Was sehe ich um mich herum?
- Welche Geräusche nehme ich wahr?
Auch ein innerer Satz wie
„Ich bin hier. Ich bin im Jetzt. Dieser Zustand geht wieder vorbei.“
kann hilfreich sein.
6.2 Sinneswahrnehmungen nutzen
Die Aufmerksamkeit kann bewusst auf konkrete Sinneseindrücke gelenkt werden:
- Dinge im Raum betrachten
- Gegenstände benennen
- Geräusche zählen
- eine bestimmte Oberfläche ertasten
- den Boden unter den Füßen wahrnehmen
- bewusst die Umgebung beschreiben
Dabei geht es darum, die Aufmerksamkeit wieder stärker auf die gegenwärtige Umgebung zu richten.
6.3 Bewegung
Langsame Bewegung kann manchen Menschen helfen, wieder stärker den eigenen Körper wahrzunehmen.
Beispielsweise kann man:
- aufstehen und einige Schritte gehen
- die Füße bewusst auf dem Boden spüren
- Arme und Hände bewegen
- sich leicht strecken
Wenn Bewegung die Dissoziation verstärkt, sollte stattdessen ein anderer Skill ausprobiert werden.
6.4 Kontakt zu einer vertrauten Person
Wenn es möglich ist, kann eine vertraute Person helfen, wieder Orientierung zu bekommen.
Dabei kann es hilfreich sein, der Person vorher zu erklären, was in dissoziativen Zuständen unterstützt und was eher belastet.
7 Was sollte man vermeiden?
Während einer starken Dissoziation kann die Fähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen, eingeschränkt sein.
Deshalb sollte man möglichst keine Tätigkeiten durchführen, bei denen eine gute Orientierung und Aufmerksamkeit unbedingt erforderlich sind, beispielsweise Autofahren oder der Umgang mit gefährlichen Gegenständen.
Auch große Entscheidungen oder schwierige Konfliktgespräche sollten nach Möglichkeit auf einen Zeitpunkt verschoben werden, an dem man wieder ausreichend orientiert und stabil ist.
8 Dissoziation ist nicht dasselbe wie Vergessen
Eine Erinnerungslücke kann Teil einer dissoziativen Erfahrung sein, aber nicht jede Vergesslichkeit ist Dissoziation.
Alltägliche Vergesslichkeit kann beispielsweise durch Stress, Schlafmangel oder Konzentrationsprobleme entstehen.
Bei wiederkehrenden oder ausgeprägten Erinnerungslücken sollte eine fachliche Abklärung erfolgen, insbesondere wenn dadurch der Alltag oder die Sicherheit beeinträchtigt werden.
9 Nach einer Dissoziation
Nach dem Ende eines dissoziativen Zustands können Müdigkeit, Verwirrung oder emotionale Erschöpfung auftreten.
Es kann hilfreich sein, sich zunächst zu orientieren und dem Körper etwas Zeit zu geben.
Anschließend kann man – sofern es einem guttut – überlegen:
- Was ist unmittelbar davor passiert?
- Wie hoch war meine Anspannung?
- Gab es einen erkennbaren Trigger?
- Welche ersten Anzeichen habe ich bemerkt?
- Was hat mir geholfen, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen?
Diese Beobachtungen können dabei helfen, persönliche Frühwarnzeichen zu erkennen.
10 Wichtig
Dissoziation ist nicht „eingebildet“ und auch keine bewusste Entscheidung. Sie kann sich sehr real und beängstigend anfühlen.
Gleichzeitig bedeutet eine dissoziative Erfahrung nicht automatisch, dass man den Bezug zur Realität vollständig verliert. Viele Menschen wissen während einer Derealisation beispielsweise weiterhin, dass ihre Umgebung real ist, obwohl sie sich unwirklich anfühlt.
Wenn dissoziative Zustände sehr häufig auftreten, lange anhalten, mit starken Erinnerungslücken verbunden sind oder die Sicherheit gefährden, sollte professionelle Unterstützung gesucht werden.
10.1 Kurz zusammengefasst
Dissoziative Zustände sind vorübergehende Veränderungen des Erlebens, bei denen beispielsweise das Körpergefühl, die Wahrnehmung, das Zeiterleben, die Gefühle oder Erinnerungen verändert sein können. Bei Borderline können sie insbesondere bei hoher Anspannung und emotionaler Überflutung auftreten. Orientierung, bewusste Wahrnehmung der Umgebung, Bewegung und ein vorher erstellter Skillsplan können dabei helfen, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen.