1 Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) ist eine psychische Erkrankung, die als Folge von lang anhaltenden oder wiederholten traumatischen Erfahrungen entstehen kann. Sie wird häufig mit Situationen in Verbindung gebracht, aus denen eine Person nur schwer oder gar nicht entkommen konnte, beispielsweise wiederholter Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung oder anderen anhaltenden Bedrohungssituationen.
Die kPTBS kann über die klassischen Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) hinausgehen. Betroffene können beispielsweise unter Intrusionen, Albträumen oder belastenden Erinnerungen leiden. Auch Vermeidung, innere Anspannung und eine erhöhte Wachsamkeit können auftreten. Zusätzlich bestehen bei der komplexen Form häufig längerfristige Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation, dem Selbstbild und zwischenmenschlichen Beziehungen.
2 Emotionale Überflutung und Emotionsregulation
Viele Betroffene erleben ihre Gefühle als besonders intensiv und schwer kontrollierbar. Angst, Wut, Trauer, Scham oder Verzweiflung können sehr plötzlich und überwältigend auftreten. Es kann sich anfühlen, als würde eine Emotion den gesamten inneren Raum einnehmen.
Manche Menschen reagieren auf diese Überforderung mit Rückzug oder emotionaler Taubheit. Andere versuchen, die Gefühle möglichst schnell zu beenden oder zu unterdrücken. Dadurch können sich langfristig Schwierigkeiten entwickeln, Emotionen wahrzunehmen, einzuordnen und angemessen zu regulieren.
3 Negatives Selbstbild
Ein weiteres Merkmal kann ein dauerhaft negatives Selbstbild sein. Betroffene empfinden beispielsweise starke Scham, Schuld oder das Gefühl, beschädigt, wertlos oder grundsätzlich anders zu sein. Häufig werden die Ursachen der eigenen Schwierigkeiten bei sich selbst gesucht, obwohl die traumatischen Erfahrungen nicht die eigene Schuld waren.
Diese negative Sicht auf sich selbst kann sich auch auf Beziehungen auswirken. Lob oder Zuneigung können schwer angenommen werden, während Kritik besonders schmerzhaft erlebt werden kann.
4 Beziehungen und Vertrauen
Traumatische Beziehungserfahrungen können das Vertrauen in andere Menschen erheblich beeinflussen. Nähe kann gleichzeitig gewünscht und als gefährlich erlebt werden. Manche Betroffene sehnen sich nach Sicherheit und Verbundenheit, haben aber Angst davor, erneut verletzt, kontrolliert oder verlassen zu werden.
Dadurch können sich Annäherung und Rückzug abwechseln. Besonders Konflikte, Distanz oder Veränderungen im Verhalten anderer Menschen können starke Unsicherheit auslösen. Manche Betroffene entwickeln eine ausgeprägte Wachsamkeit gegenüber möglichen Anzeichen von Ablehnung oder Gefahr.
5 Dissoziation
Auch dissoziative Symptome können auftreten. Dabei kann sich beispielsweise das Gefühl entwickeln, neben sich zu stehen, die eigene Umgebung unwirklich wahrzunehmen oder emotional von sich selbst abgeschnitten zu sein. Dissoziation kann als Schutzreaktion verstanden werden, die während überwältigender Situationen oder später bei bestimmten Auslösern auftreten kann.
6 Trigger und emotionale Rückblenden
Bestimmte Situationen, Worte, Gerüche, Orte oder Beziehungserfahrungen können Erinnerungen an traumatische Erfahrungen aktivieren. Dabei muss nicht immer eine bewusste Erinnerung entstehen. Manchmal taucht vor allem das damalige Gefühl wieder auf. Eine Person kann beispielsweise plötzlich intensive Angst, Hilflosigkeit oder Scham empfinden, obwohl die aktuelle Situation objektiv nicht gefährlich ist.
Solche emotionalen Rückblenden können für Betroffene sehr verwirrend sein. Das gegenwärtige Geschehen und frühere Erfahrungen können sich für einen Moment emotional miteinander vermischen.
7 Auswirkungen auf den Alltag
Eine kPTBS kann viele Lebensbereiche beeinflussen. Konzentration, Schlaf, Arbeit, soziale Kontakte und Beziehungen können beeinträchtigt sein. Manche Betroffene vermeiden bestimmte Situationen oder Menschen, während andere versuchen, ständig Kontrolle und Sicherheit herzustellen.
Trotz der erheblichen Belastung bedeutet eine kPTBS nicht, dass ein Mensch dauerhaft von seinen traumatischen Erfahrungen bestimmt bleiben muss. Das Nervensystem kann lernen, zwischen vergangener Gefahr und gegenwärtiger Sicherheit besser zu unterscheiden.
8 Behandlung
Die Behandlung sollte individuell auf die betroffene Person und ihre Lebenssituation abgestimmt werden. Traumafokussierte Psychotherapie kann eine wichtige Rolle spielen. Je nach Situation können außerdem Verfahren zur Stabilisierung, Emotionsregulation und zum Umgang mit Dissoziation eingesetzt werden.
Gerade bei komplexen Traumafolgen kann es sinnvoll sein, zunächst ausreichend Stabilität und Sicherheit aufzubauen, bevor traumatische Erinnerungen intensiv bearbeitet werden. Ziel ist nicht nur die Verringerung einzelner Symptome, sondern auch der Aufbau eines stabileren Selbstbildes, sicherer Beziehungen und eines größeren Gefühls von Kontrolle über das eigene Leben.
Eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung ist keine persönliche Schwäche. Viele der belastenden Reaktionen können als verständliche Folgen lang anhaltender Überforderung und traumatischer Erfahrungen verstanden werden. Heilung bedeutet dabei nicht, dass die Vergangenheit ungeschehen gemacht werden kann. Es kann vielmehr darum gehen, dass die Vergangenheit zunehmend ihren Einfluss auf die Gegenwart verliert und wieder mehr Sicherheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität möglich werden.