1 Stresstoleranz
Stresstoleranz beschreibt die Fähigkeit, belastende Situationen, unangenehme Gefühle und innere Anspannung auszuhalten, ohne sofort impulsiv oder selbstschädigend darauf zu reagieren. Sie bedeutet nicht, Stress einfach hinzunehmen oder dauerhaft auszuhalten, sondern einen schwierigen Moment möglichst sicher zu überstehen, bis wieder mehr Handlungsspielraum entsteht.
Besonders in der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) ist Stresstoleranz ein wichtiger Bereich. Dort geht es darum, Fähigkeiten zu entwickeln, die in akuten Krisen helfen können. Wenn die emotionale Anspannung sehr hoch ist, sind komplexe Problemlösungen häufig nur schwer möglich. Zunächst kann es deshalb sinnvoll sein, die Situation zu stabilisieren.
Ein wichtiger Bestandteil ist die Fähigkeit, einen Impuls nicht sofort in eine Handlung umzusetzen. Zwischen einem starken Gefühl und einer Reaktion kann eine kleine Pause geschaffen werden. Diese Pause kann ausreichen, um einen Skill einzusetzen und eine weniger schädliche Entscheidung zu treffen.
Zur Stresstoleranz gehören verschiedene Skills. Manche richten sich an den Körper und die Sinne, andere helfen dabei, die Aufmerksamkeit zu verändern oder sich kurzfristig aus einer belastenden Situation herauszunehmen. Beispiele können bewusste Atmung, Bewegung, das Wahrnehmen von Sinneseindrücken, Musik oder der Kontakt zu einer vertrauten Person sein.
Auch Akzeptanz spielt eine Rolle. Akzeptieren bedeutet dabei nicht, eine schwierige Situation gutzuheißen. Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass etwas im gegenwärtigen Moment gerade so ist, wie es ist. Dadurch kann der zusätzliche Kampf gegen die Realität etwas abnehmen.
Stresstoleranz bedeutet außerdem, zwischen kurzfristiger Krisenbewältigung und langfristiger Problemlösung zu unterscheiden. In einer akuten Krise muss nicht sofort jedes Problem gelöst werden. Manchmal besteht der erste Schritt lediglich darin, sicher durch die nächsten Minuten oder Stunden zu kommen. Wenn die Anspannung gesunken ist, kann anschließend überlegt werden, welche langfristigen Veränderungen notwendig sind.
Die eigene Stresstoleranz kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden. Schlafmangel, Hunger, körperliche Erschöpfung, dauerhafter Stress oder zwischenmenschliche Konflikte können dazu führen, dass Belastungen schlechter ausgehalten werden können. Deshalb können auch Selbstfürsorge und eine stabile Tagesstruktur zur Stärkung der Stresstoleranz beitragen.
Stresstoleranz bedeutet nicht, dass man alles alleine schaffen muss. Hilfe anzunehmen kann ebenfalls eine wichtige Fähigkeit sein. Ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder professionelle Unterstützung können in schwierigen Situationen dazu beitragen, wieder Stabilität zu gewinnen.
Die Fähigkeit zur Stresstoleranz lässt sich trainieren. Skills können zunächst in weniger belastenden Situationen ausprobiert werden, damit sie in einer Krise leichter verfügbar sind. Mit der Zeit kann dadurch das Vertrauen wachsen, auch schwierige emotionale Zustände überstehen zu können.
Das Ziel ist nicht, niemals mehr Stress, Angst, Wut oder Verzweiflung zu erleben. Vielmehr geht es darum, schwierige Gefühle auszuhalten, ohne von ihnen vollständig überwältigt zu werden, und trotz hoher Anspannung möglichst sicher und bewusst handeln zu können.
Ein zentraler Gedanke der Stresstoleranz lautet:
„Dieser Moment ist schwer, aber ich muss nicht sofort danach handeln. Ich kann ihn überstehen und später entscheiden, wie es weitergeht.“