1 Ablenkung
Ablenkung ist eine Strategie aus dem Bereich der Stresstoleranz und kann besonders in Situationen hilfreich sein, in denen Gefühle oder innere Anspannung vorübergehend sehr intensiv sind. Dabei wird die Aufmerksamkeit bewusst von belastenden Gedanken, Gefühlen oder Impulsen auf eine andere Tätigkeit gelenkt.
Ablenkung bedeutet nicht, dass ein Problem dauerhaft verdrängt werden soll. In einer akuten Situation kann sie vielmehr dabei helfen, eine Pause zu schaffen, bis die emotionale Anspannung wieder etwas nachgelassen hat. Anschließend kann man sich dem eigentlichen Problem wieder bewusster zuwenden.
Mögliche Formen der Ablenkung sind beispielsweise:
- Musik hören oder ein Instrument spielen
- einen Film oder eine Serie anschauen
- spazieren gehen oder sich bewegen
- ein Spiel spielen
- malen, zeichnen oder schreiben
- aufräumen oder eine andere kleine Aufgabe erledigen
- mit einer vertrauten Person sprechen
- ein Buch lesen
- sich bewusst mit einer Tätigkeit beschäftigen, die Konzentration erfordert
Besonders hilfreich kann Ablenkung sein, wenn ein starker Handlungsimpuls vorhanden ist. Wenn beispielsweise der Wunsch besteht, impulsiv auf eine Nachricht zu reagieren, kann es sinnvoll sein, das Handy für eine Weile wegzulegen und sich einer anderen Tätigkeit zuzuwenden. Dadurch entsteht Abstand zwischen dem Impuls und der möglichen Handlung.
Ablenkung kann auch über die Sinne erfolgen. Ein angenehmer Duft, Musik, ein interessanter Gegenstand oder eine bewusst wahrgenommene Umgebung können die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment lenken.
Es ist hilfreich, zwischen hilfreicher Ablenkung und Vermeidung zu unterscheiden. Hilfreiche Ablenkung ist meist zeitlich begrenzt und dient dazu, eine schwierige Situation zu überstehen oder die emotionale Intensität zu reduzieren. Vermeidung hingegen kann dazu führen, dass wichtige Probleme dauerhaft nicht bearbeitet werden.
Ein Beispiel: Nach einem Streit ist eine Person sehr aufgewühlt und möchte sofort eine wütende Nachricht schreiben. Sie entscheidet sich zunächst dafür, eine Runde spazieren zu gehen und Musik zu hören. Nachdem die Anspannung gesunken ist, kann sie in Ruhe überlegen, ob und wie sie das Gespräch fortsetzen möchte. Die Ablenkung hat das Problem nicht gelöst, aber sie hat geholfen, eine impulsive Reaktion zu verhindern.
Ablenkung funktioniert nicht für jeden Menschen gleich gut. Manche Tätigkeiten beruhigen, während andere die Anspannung sogar erhöhen können. Deshalb ist es sinnvoll, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren und eine persönliche Sammlung hilfreicher Ablenkungsstrategien aufzubauen.
Ablenkung ist somit kein Zeichen dafür, dass man seinen Problemen ausweicht. Richtig eingesetzt kann sie eine kurzfristige Krisenstrategie sein, die dabei hilft, wieder etwas Abstand und Handlungsspielraum zu gewinnen.
Der zentrale Gedanke lautet:
„Ich muss nicht jedem Gedanken und jedem Impuls sofort folgen. Ich darf meine Aufmerksamkeit für eine Weile auf etwas anderes richten und später entscheiden, wie ich mit der Situation umgehen möchte.“