1 Psychoanalyse
2 Kurzdefinition
Die Psychoanalyse ist ein von Sigmund Freud Ende des 19. Jahrhunderts begründetes Verfahren zur Erforschung und Behandlung seelischer Störungen. Sie geht davon aus, dass ein Großteil des Erlebens und Verhaltens von unbewussten Konflikten, Wünschen und frühen Beziehungserfahrungen gesteuert wird. Aus der klassischen Psychoanalyse haben sich im Lauf der Zeit mehrere modernere, wissenschaftlich untersuchte Verfahren entwickelt, die auch in der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) eine Rolle spielen.
3 Zur Geschichte
Sigmund Freud (1856–1939) entwickelte die Psychoanalyse zunächst als Methode zur Behandlung sogenannter „hysterischer" Beschwerden und formulierte daraus eine umfassende Theorie der menschlichen Persönlichkeit. Zentrale Konzepte wie das Unbewusste, die Abwehrmechanismen oder die Bedeutung der frühen Kindheit für die spätere Persönlichkeitsentwicklung stammen aus dieser Zeit. Nach Freud haben zahlreiche Theoretiker:innen die Psychoanalyse weiterentwickelt und teils deutlich verändert — etwa in Richtung der Objektbeziehungstheorie, die für das Verständnis der BPS besonders wichtig geworden ist.
4 Grundannahmen
Einige zentrale Annahmen der Psychoanalyse:
- Das Unbewusste: Ein großer Teil seelischer Vorgänge läuft außerhalb des bewussten Erlebens ab und beeinflusst Gedanken, Gefühle und Verhalten dennoch maßgeblich.
- Frühe Beziehungserfahrungen: Die Beziehungen der ersten Lebensjahre — insbesondere zu den primären Bezugspersonen — prägen, wie ein Mensch später Nähe, Bindung und Konflikte erlebt und gestaltet.
- Abwehrmechanismen: Um innere Konflikte oder belastende Gefühle nicht bewusst ertragen zu müssen, entwickelt die Psyche Schutzstrategien wie Verdrängung, Verleugnung oder Spaltung.
- Übertragung und Gegenübertragung: Muster aus früheren, oft frühkindlichen Beziehungen werden unbewusst auf aktuelle Beziehungen — auch auf die therapeutische Beziehung — übertragen.
5 Setting und Methode
In der klassischen Psychoanalyse trifft sich die Patientin oder der Patient mehrmals wöchentlich, oft über Jahre, mit der Analytikerin oder dem Analytiker. Typische Methoden sind die freie Assoziation (unzensiertes Aussprechen aller Gedanken) sowie die Deutung von Träumen, Fehlleistungen und der Beziehungsdynamik in der Therapie selbst. Ziel ist es, unbewusste Konflikte bewusst zu machen und dadurch aufzulösen.
Aus dieser aufwendigen klassischen Form haben sich kürzere, stärker strukturierte psychodynamische bzw. tiefenpsychologisch fundierte Verfahren entwickelt, die in der heutigen Praxis deutlich häufiger eingesetzt werden als die klassische Analyse.
6 Bezug zur Borderline-Persönlichkeitsstörung
Für die BPS ist vor allem die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) relevant, die der Psychoanalytiker Otto Kernberg auf Grundlage der Objektbeziehungstheorie entwickelt hat. Zentrale Idee: Menschen mit BPS erleben sich selbst und andere häufig in stark schwarz-weißen, widersprüchlichen Bildern („nur gut" oder „nur böse") — ein Phänomen, das in der Psychoanalyse als Spaltung bezeichnet wird. In der TFP wird genau diese Dynamik in der therapeutischen Beziehung aufgegriffen und bearbeitet, mit dem Ziel, ein stabileres, differenzierteres Selbst- und Fremdbild zu entwickeln.
Auch die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) nach Bateman und Fonagy hat ihre theoretischen Wurzeln in der Psychoanalyse, wurde aber deutlich weiterentwickelt und stärker strukturiert.
Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zur Borderline-Persönlichkeitsstörung empfiehlt für die Behandlung strukturierte, störungsspezifische Psychotherapieverfahren — dazu zählen neben der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) und der Schematherapie auch TFP und MBT als etablierte, wissenschaftlich untersuchte Ansätze.
7 Kritik und heutiger Stellenwert
Die klassische Psychoanalyse steht seit Langem in der Kritik, weil viele ihrer Kernkonzepte schwer wissenschaftlich überprüfbar sind und der zeitliche sowie finanzielle Aufwand sehr hoch ist. Die daraus abgeleiteten modernen Verfahren wie TFP und MBT wurden dagegen in kontrollierten Studien untersucht und gelten heute als evidenzbasierte Behandlungsoptionen bei BPS — auch wenn die Studienlage insgesamt für DBT etwas umfangreicher ist.
8 Abgrenzung zur Verhaltenstherapie
Während psychoanalytische bzw. psychodynamische Verfahren stark auf das Verstehen unbewusster, meist in der Kindheit entstandener Konflikte setzen, arbeiten verhaltenstherapeutische Ansätze (wie die DBT) eher gegenwarts- und fertigkeitenorientiert: Es geht dort primär darum, im Hier und Jetzt neue, hilfreichere Bewältigungsstrategien zu erlernen. In der Praxis schließen sich beide Perspektiven nicht aus — viele Kliniken kombinieren Elemente.