1 Recovery
Recovery bezeichnet im psychischen und psychosozialen Bereich einen individuellen Prozess der Stabilisierung, persönlichen Entwicklung und Rückgewinnung von Lebensqualität. Dabei geht es nicht unbedingt darum, vollständig symptomfrei zu werden. Vielmehr steht im Mittelpunkt, trotz psychischer Belastungen wieder mehr Selbstbestimmung, Hoffnung, Handlungsmöglichkeiten und Teilhabe am Leben zu entwickeln.
1.1 Recovery bei psychischen Erkrankungen
Recovery ist kein geradliniger Prozess. Es kann Phasen geben, in denen es deutlich besser geht, aber auch Rückschritte oder Krisen. Ein Rückfall bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die bisherige Entwicklung verloren ist.
Wichtige Bestandteile können sein:
- Selbstverständnis: Eigene Gefühle, Bedürfnisse, Grenzen und Belastungsgrenzen besser kennenlernen.
- Stabilisierung: Einen Umgang mit Krisen, Stress und starken Emotionen entwickeln.
- Selbstwirksamkeit: Erleben, dass man selbst Einfluss auf das eigene Leben nehmen kann.
- Beziehungen: Unterstützende und möglichst sichere Beziehungen aufbauen.
- Selbstfürsorge: Schlaf, Ernährung, Bewegung, Erholung und persönliche Bedürfnisse ernst nehmen.
- Skills: Strategien zur Emotionsregulation und Stresstoleranz erlernen.
- Therapie: Professionelle Unterstützung nutzen, wenn sie hilfreich und notwendig ist.
- Zukunftsperspektiven: Eigene Wünsche, Ziele und Werte wiederentdecken.
- Teilhabe: Schrittweise wieder stärker am sozialen, beruflichen oder gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
1.2 Recovery und Borderline
Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung kann Recovery beispielsweise bedeuten, einen besseren Umgang mit intensiven Emotionen, Verlustangst, Impulsivität, Selbstverletzungsdruck oder zwischenmenschlichen Konflikten zu entwickeln.
Dabei können therapeutische Verfahren wie DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) oder MBT (Mentalisierungsbasierte Therapie) hilfreich sein.
Recovery bedeutet nicht, dass niemals wieder starke Gefühle oder Krisen auftreten. Ziel kann vielmehr sein:
Zitat„Ich habe weiterhin Gefühle – aber meine Gefühle bestimmen nicht mehr vollständig, was ich tue.“
1.3 Recovery als persönlicher Weg
Recovery bedeutet auch, die eigene Identität nicht ausschließlich über eine Diagnose zu definieren. Eine psychische Erkrankung kann ein Teil der Lebensgeschichte sein, muss aber nicht die gesamte Person bestimmen.
Ein wichtiger Gedanke ist:
Nicht „Was stimmt mit mir nicht?“, sondern „Was brauche ich, damit mein Leben wieder mehr zu mir passt?“
Recovery kann deshalb für jeden Menschen etwas anderes bedeuten. Für die eine Person bedeutet es vielleicht, wieder arbeiten zu können, für eine andere, Beziehungen aufzubauen, selbstständiger zu werden oder einfach wieder Freude und Sicherheit im Alltag zu erleben.
1.4 Rückschritte gehören dazu
Schwierige Phasen sind nicht automatisch ein Scheitern. Gerade bei länger bestehenden psychischen Belastungen kann Entwicklung in Schritten, Umwegen und manchmal auch Rückschritten verlaufen.
Ein Rückschritt kann Anlass sein, zu überprüfen:
- Was hat mich belastet?
- Welche Warnsignale habe ich übersehen?
- Welche Bedürfnisse wurden vernachlässigt?
- Welche Skills helfen mir?
- Welche Unterstützung brauche ich?
- Was kann ich beim nächsten Mal früher tun?
Recovery bedeutet somit nicht, nie wieder zu fallen. Es bedeutet zunehmend zu lernen, wie man wieder aufstehen und den eigenen Weg weitergehen kann.