1 Beziehung und psychische Erkrankung
Eine psychische Erkrankung kann Beziehungen beeinflussen, bedeutet aber nicht, dass eine stabile, liebevolle und erfüllende Partnerschaft unmöglich ist. Beziehungen können sowohl eine wichtige Ressource und Unterstützung als auch eine zusätzliche Belastung sein.
Entscheidend ist nicht allein die Diagnose, sondern wie stark die Symptome ausgeprägt sind, wie beide Partner damit umgehen und welche Unterstützung vorhanden ist.
1.1 Wie kann eine psychische Erkrankung eine Beziehung beeinflussen?
Je nach Erkrankung können beispielsweise folgende Schwierigkeiten auftreten:
- starke Stimmungsschwankungen
- Ängste und Unsicherheit
- Rückzug und Kontaktvermeidung
- Bedürfnis nach besonders viel Nähe
- Schwierigkeiten, Vertrauen aufzubauen
- Eifersucht
- Konflikte
- vermindertes Selbstwertgefühl
- Kommunikationsprobleme
- Erschöpfung und fehlender Antrieb
- Schlafprobleme
- Schwierigkeiten mit Nähe und Sexualität
- Angst vor Ablehnung oder Verlassenwerden
Dabei sollte immer zwischen Symptom und Persönlichkeit unterschieden werden. Ein Mensch ist nicht seine Diagnose.
1.2 Beziehung als Ressource
Eine vertrauensvolle Beziehung kann Stabilität und Sicherheit vermitteln. Hilfreich können sein:
- emotionale Unterstützung
- gegenseitiges Verständnis
- Verlässlichkeit
- gemeinsame Aktivitäten
- Nähe und Geborgenheit
- offene Kommunikation
- gegenseitige Motivation
- Unterstützung bei der Inanspruchnahme professioneller Hilfe
Eine Partnerschaft kann jedoch keine Psychotherapie oder medizinische Behandlung ersetzen.
1.3 Nähe und Distanz
In vielen Beziehungen entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Autonomie.
Ein Partner möchte vielleicht viel Kontakt, während der andere Ruhe benötigt. Eine gesunde Beziehung versucht, für beide Bedürfnisse Raum zu schaffen.
Hilfreich können klare Vereinbarungen sein:
Zitat„Ich brauche gerade etwas Zeit für mich. Das bedeutet nicht, dass ich dich ablehne. Wir sprechen später weiter.“
1.4 Kommunikation
Offene Kommunikation kann Missverständnisse verhindern. Statt Gedanken des Partners zu erraten, ist es hilfreicher, Bedürfnisse direkt auszusprechen.
Beispiel:
Zitat„Ich merke, dass ich gerade unsicher werde. Könntest du mir bitte sagen, wie du die Situation meinst?“
Auch Validation kann helfen:
Zitat„Ich sehe, dass dich das gerade sehr verunsichert. Lass uns darüber sprechen.“
1.5 Grenzen in der Beziehung
Eine psychische Erkrankung rechtfertigt keine Gewalt, Kontrolle, Manipulation oder Grenzüberschreitungen.
Beide Partner dürfen:
- Nein sagen
- eigene Bedürfnisse haben
- Zeit für sich beanspruchen
- Freundschaften pflegen
- persönliche Grenzen setzen
- Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen
Verständnis und Grenzen schließen sich nicht aus.
1.6 Verantwortung bleibt wichtig
Eine Erkrankung kann bestimmte Verhaltensweisen erklären, sie entschuldigt jedoch nicht automatisch jedes Verhalten.
Ein hilfreicher Gedanke ist:
Zitat„Meine Erkrankung kann beeinflussen, wie ich reagiere. Trotzdem kann ich lernen, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen.“
Dazu gehört beispielsweise, sich nach einem Konflikt zu entschuldigen, eigene Muster zu reflektieren und Unterstützung anzunehmen.
1.7 Beziehung und Borderline
Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können Beziehungen beispielsweise durch Verlustangst, emotionale Überflutung, starke Stimmungsschwankungen, Klammern, Rückzug, Eifersucht oder Beziehungssplitting belastet werden.
Gleichzeitig können Menschen mit Borderline sehr intensive Gefühle, starke Verbundenheit und ein hohes Bedürfnis nach emotionaler Nähe erleben.
Therapeutische Ansätze wie die DBT können dabei helfen, Emotionsregulation, Stresstoleranz und zwischenmenschliche Fertigkeiten zu verbessern.
1.8 Was kann einer Partnerschaft helfen?
- offen über die Erkrankung sprechen
- persönliche Trigger und Warnsignale kennenlernen
- gemeinsam Grenzen vereinbaren
- Krisen- und Notfallpläne erstellen
- frühzeitig über zunehmende Belastung sprechen
- Konflikte nicht während maximaler Anspannung lösen
- Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen
- ausreichend eigene Freiräume behalten
- professionelle Unterstützung nutzen
- gemeinsame schöne und unbelastete Zeiten pflegen
1.9 Auch Angehörige brauchen Unterstützung
Der Partner oder die Partnerin muss nicht die Rolle eines Therapeuten oder einer Therapeutin übernehmen. Angehörige dürfen ebenfalls erschöpft sein, Grenzen setzen und Unterstützung suchen.
Eine gesunde Partnerschaft bedeutet nicht:
Zitat„Ich muss dich retten.“
Sondern eher:
Zitat„Ich unterstütze dich, ohne dabei mich selbst aufzugeben.“
1.10 Recovery und Beziehung
Eine psychische Erkrankung muss nicht das Ende einer Beziehung oder die Verhinderung einer zukünftigen Partnerschaft bedeuten. Recovery kann auch bedeuten, Beziehungen zunehmend bewusster, sicherer und selbstbestimmter zu gestalten.
Merksatz:
ZitatEine psychische Erkrankung kann eine Beziehung belasten, aber sie bestimmt nicht allein, wie eine Beziehung aussehen muss. Verständnis, Kommunikation, Grenzen, Eigenverantwortung und gegenseitiger Respekt bilden wichtige Grundlagen.