1 Vorurteile
Vorurteile sind vorgefasste, häufig vereinfachte oder negative Vorstellungen über Menschen oder bestimmte Gruppen. Sie entstehen oft, ohne dass eine Person den einzelnen Menschen tatsächlich kennt oder ausreichend Informationen über dessen Situation besitzt.
Im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen können Vorurteile besonders belastend sein. Sie können zu Stigmatisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung führen.
1.1 Typische Vorurteile über psychische Erkrankungen
Beispiele sind:
- „Psychisch kranke Menschen sind schwach.“
- „Man muss sich einfach zusammenreißen.“
- „Wer eine Therapie braucht, ist nicht belastbar.“
- „Psychische Erkrankungen sind nur eine Phase.“
- „Menschen mit psychischen Erkrankungen sind unberechenbar.“
- „Borderline bedeutet, dass jemand manipulativ ist.“
- „Depression bedeutet einfach, traurig zu sein.“
- „Angst kann man einfach abschalten.“
- „Wer krankgeschrieben ist, will nicht arbeiten.“
Solche Aussagen sind Verallgemeinerungen und werden der individuellen Situation eines Menschen nicht gerecht.
1.2 Wo entstehen Vorurteile?
Vorurteile können entstehen durch:
- fehlendes Wissen
- Angst vor dem Unbekannten
- persönliche Erfahrungen
- Erziehung und gesellschaftliche Vorstellungen
- Medien und stereotype Darstellungen
- falsche Informationen
- einzelne negative Erfahrungen, die auf eine ganze Gruppe übertragen werden
1.3 Vorurteile und Realität
Eine psychische Diagnose beschreibt bestimmte Symptome und Verhaltensmuster, aber nicht die gesamte Persönlichkeit eines Menschen.
Zwei Menschen mit derselben Diagnose können beispielsweise völlig unterschiedliche:
- Persönlichkeiten
- Lebensgeschichten
- Fähigkeiten
- Bedürfnisse
- Beziehungen
- Ressourcen
- Bewältigungsstrategien
haben.
Deshalb sollte man einen Menschen nicht auf seine Diagnose reduzieren.
1.4 Selbstvorurteile
Vorurteile können auch nach innen gerichtet sein. Ein Mensch kann negative gesellschaftliche Vorstellungen übernehmen und auf sich selbst anwenden.
Beispielsweise:
Zitat„Ich habe eine psychische Erkrankung, deshalb bin ich weniger wert.“
Das nennt man Selbststigmatisierung.
Hilfreicher kann sein:
Zitat„Ich habe eine psychische Erkrankung. Sie beeinflusst bestimmte Bereiche meines Lebens, aber sie definiert nicht meinen Wert als Mensch.“
1.5 Vorurteile abbauen
Vorurteile lassen sich unter anderem durch Aufklärung, persönlichen Kontakt, offene Kommunikation und differenzierte Betrachtung reduzieren.
Hilfreiche Fragen sind:
- Kenne ich die Person wirklich?
- Welche Informationen habe ich tatsächlich?
- Verallgemeinere ich eine einzelne Erfahrung?
- Könnte es andere Erklärungen für das Verhalten geben?
- Beurteile ich gerade die Person oder nur ein bestimmtes Verhalten?
1.6 Vorurteile und Verhalten unterscheiden
Es ist wichtig, kritisches Verhalten benennen zu können, ohne daraus ein Vorurteil über die gesamte Person zu machen.
Beispiel:
Zitat„Dieses Verhalten hat mich verletzt.“
ist etwas anderes als:
Zitat„Menschen mit dieser Diagnose sind immer so.“
Die erste Aussage beschreibt eine konkrete Erfahrung. Die zweite macht daraus eine pauschale Zuschreibung.
1.7 Vorurteile bei Borderline
Menschen mit Borderline können mit besonders starken Vorurteilen konfrontiert sein. Begriffe wie „manipulativ“, „dramatisch“ oder „beziehungsunfähig“ werden teilweise pauschal verwendet.
Eine differenzierte Betrachtung fragt stattdessen:
Was passiert gerade? Welche Emotion steckt dahinter? Welche Bedürfnisse bestehen? Welche Skills fehlen möglicherweise? Und welche Grenzen müssen trotzdem eingehalten werden?
Damit können Verständnis und klare Grenzen gleichzeitig möglich sein.
Merksatz:
Zitat