Invalidierung bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Bedeutung, Auswirkungen und Rolle in der DBT
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Shalin -
2. Mai 2026 um 01:54 -
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„Das ist doch nicht so schlimm." „Du übertreibst total." „Reiß dich zusammen." Sätze wie diese kennen viele Menschen mit Borderline nur zu gut – oft schon aus der Kindheit, manchmal bis heute. In der Psychologie hat dieses Phänomen einen Namen: Invalidierung. Sie gilt als einer der zentralen Bausteine, um zu verstehen, wie Borderline entsteht – und warum Validierung in der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) so eine große Rolle spielt.
📌 Kurz zusammengefasst
- Invalidierung bedeutet: Gefühle, Gedanken oder Bedürfnisse werden nicht ernst genommen oder abgewertet.
- Nach Linehans Biosozialer Theorie trifft bei BPS eine angeborene emotionale Empfindlichkeit auf ein invalidierendes Umfeld – zusammen begünstigen beide Faktoren die Störung.
- Die DBT setzt gezielt Validierung als Gegengewicht ein – strukturiert in sechs aufeinander aufbauenden Ebenen.
Inhaltsverzeichnis
Was Invalidierung genau bedeutet
Der Begriff Invalidierung wurde von der US-amerikanischen Psychologin Marsha M. Linehan geprägt, der Begründerin der DBT[1]. Gemeint ist, dass das emotionale Erleben und Verhalten eines Menschen von seiner Umwelt entwertet oder für ungültig erklärt wird[1]. Das kann auf sehr unterschiedliche Weise geschehen:
- Gefühle werden heruntergespielt ("Das ist doch nicht so schlimm.")
- Emotionen werden als übertrieben dargestellt ("Du reagierst total über.")
- Bedürfnisse werden ignoriert oder nicht ernst genommen
- Wahrnehmungen werden infrage gestellt ("Das hast du dir nur eingebildet.")
Invalidierung reicht dabei von subtilem, oft unbewusstem Verhalten bis hin zu offener Abwertung oder Missbrauchserfahrungen[1]. Wichtig zu verstehen: Auch gut gemeinte Sätze wie "Andere haben es viel schlimmer" oder "Denk einfach positiv" können invalidierend wirken, weil sie das eigentliche Gefühl übergehen statt es anzuerkennen.
Invalidierung in der Biosozialen Theorie
In Linehans Biosozialer Theorie zur Entstehung der Borderline-Persönlichkeitsstörung spielt Invalidierung eine zentrale Rolle. Das Modell geht von zwei zusammenwirkenden Faktoren aus: einer angeborenen, erhöhten emotionalen Sensitivität und einem invalidierenden Umfeld, in dem zentrale Grundbedürfnisse wiederholt nicht erfüllt wurden[2].
Menschen mit dieser Veranlagung erleben Gefühle nachweislich schneller, intensiver und langanhaltender als andere[3]. Trifft diese biologische Vulnerabilität auf ein Umfeld, das genau diese intensiven Gefühle wiederholt nicht anerkennt, ignoriert oder sogar bestraft, fehlt dem Kind das notwendige Lernfeld, um Emotionsregulation zu entwickeln[3]. Wie genau dieses Wechselspiel im Detail abläuft und welche Rolle biologische Faktoren dabei spielen, haben wir ausführlich in unserem Artikel zur Biosozialen Theorie beschrieben.
Invalidierung tritt aber nicht nur in der Kindheit auf. Auch im Erwachsenenleben erleben viele Betroffene sie immer wieder – in Beziehungen ("Du bist zu emotional"), am Arbeitsplatz ("Reiß dich zusammen") oder sogar in medizinischen Kontexten ("Das ist nur psychisch"). Solche wiederkehrenden Erfahrungen können bestehende Muster verstärken, weil sie die ursprüngliche Botschaft aus der Kindheit – "deine Gefühle zählen nicht" – im Erwachsenenalter erneut bestätigen.
Warum Invalidierung die Emotionsregulation erschwert
Ein Kernmerkmal von Borderline ist die emotionale Dysregulation – also erhebliche Schwierigkeiten, mit intensiven Gefühlen umzugehen. Chronische Invalidierung verstärkt dieses Problem auf mehreren Ebenen:
Fehlendes Lernen von Emotionsregulation
Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen normalerweise über ihre Bezugspersonen. Werden Emotionen stattdessen ständig abgewertet, fehlt genau dieses Lernfeld – dem Kind wird nicht vermittelt, wie es Erregung benennen, einordnen und aushalten kann[4].
Verstärkung emotionaler Intensität
Werden Gefühle wiederholt nicht anerkannt, können sie paradoxerweise noch stärker werden: Betroffene fühlen sich unverstanden, sodass Emotionen "lauter" werden müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Entwicklung dysfunktionaler Bewältigungsstrategien
Um mit überwältigenden, nicht regulierbaren Emotionen umzugehen, entwickeln Betroffene oft Strategien wie selbstverletzendes Verhalten, impulsives Handeln oder extreme Rückzugs- und Beziehungsmuster. In über 70 % der Fälle finden sich bei BPS-Diagnostizierten frühe Erfahrungen von Vernachlässigung oder Missbrauch[5] – Erfahrungen, die häufig eng mit einem stark invalidierenden Umfeld zusammenhängen.
Selbstinvalidierung: Wenn man sich selbst nicht ernst nimmt
Ein besonders belastender Aspekt ist die sogenannte Selbstinvalidierung. Wer über Jahre gelernt hat, den eigenen Gefühlen zu misstrauen, wendet dieses Muster oft auch gegen sich selbst an: "Ich übertreibe nur." "Meine Gefühle sind nicht wichtig." "Ich bin einfach zu empfindlich." Diese innere Haltung kann die Symptomatik zusätzlich verstärken, weil sie genau die Abwertung wiederholt, die ursprünglich von außen kam – nur jetzt von innen.
Die sechs Ebenen der Validierung in der DBT
Weil Invalidierung eine derart zentrale Rolle spielt, hat Linehan Validierung als eigenständige therapeutische Strategie systematisiert. Wichtig dabei: Validierung bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen – sondern zu vermitteln, dass ein Gefühl im jeweiligen Kontext nachvollziehbar ist[6]. Linehan unterscheidet sechs aufeinander aufbauende Ebenen[7]:
- Ungeteilte Aufmerksamkeit: aktiv zuhören, präsent sein – ohne zu urteilen oder direkt zu reagieren.
- Genaue Reflexion: das Gesagte in eigenen Worten zusammenfassen, um Verständnis zu signalisieren.
- Verbalisieren des Unausgesprochenen: Gefühle benennen, die die Person selbst noch nicht in Worte gefasst hat.
- Validierung durch Biografie: das Verhalten vor dem Hintergrund früherer Lernerfahrungen oder biologischer Faktoren einordnen.
- Validierung durch die Gegenwart: die Reaktion angesichts der aktuellen Umstände als verständlich anerkennen.
- Radikale Echtheit: die Person als grundsätzlich gleichwertig und ihre Sichtweise als valide behandeln, ohne Herablassung.
Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich. Invalidierend: "Das ist doch nicht so schlimm." Validierend: "Ich kann verstehen, dass dich das gerade so mitnimmt – nach allem, was du erlebt hast, ist diese Reaktion nachvollziehbar." Der zweite Satz heißt nicht "alles ist okay so" – er sagt nur: Dein Gefühl ist real, und es ergibt Sinn.
Validierung im Alltag üben
Validierung lässt sich nicht nur in der Therapie, sondern auch im eigenen Alltag üben – gegenüber anderen wie gegenüber sich selbst.
Selbstvalidierung
Ein erster Schritt ist, das eigene Gefühl überhaupt zu benennen ("Ich bin gerade traurig"), statt es sofort wegzuerklären. Im zweiten Schritt hilft die Frage: "Warum macht das gerade Sinn?" – auch wenn die Antwort nicht sofort einleuchtet.
Validierung im Umgang mit anderen
Statt direkt zu bewerten oder Lösungen anzubieten, hilft aktives Zuhören: das Gehörte spiegeln, nachfragen statt urteilen, und der Person Raum geben, ihre Perspektive zu Ende zu formulieren. Gerade Angehörige berichten oft, dass allein dieser Perspektivwechsel Konflikte spürbar entschärft.
Häufige Fragen
Bedeutet Validierung, dass man problematisches Verhalten gutheißen muss?
Nein. Validierung bezieht sich auf das Gefühl dahinter, nicht auf jede daraus folgende Handlung. Man kann ein Verhalten kritisch sehen und gleichzeitig das zugrundeliegende Gefühl als real und nachvollziehbar anerkennen – genau darin liegt die Dialektik der DBT.
Kann man Selbstinvalidierung wieder verlernen?
Ja, auch wenn es Zeit und Übung braucht. In der DBT ist genau das ein zentrales Therapieziel: über Selbstvalidierung und Skills zu lernen, den eigenen Gefühlen wieder zu vertrauen, statt sie reflexhaft abzuwerten.
Was, wenn ich selbst merke, dass ich andere invalidiere, ohne es zu wollen?
Das passiert vielen Menschen unbewusst, oft aus eigener Unsicherheit oder Überforderung mit der Situation. Der erste Schritt ist, es zu bemerken. Schon der bewusste Wechsel von "Das ist doch nicht so schlimm" zu "Ich sehe, dass dich das gerade beschäftigt" macht spürbar Unterschied.
Quellen
- Emotionale Invalidierung, Wikipedia (Begriffsdefinition nach Linehan). de.wikipedia.org
- Borderline-Persönlichkeitsstörung, Christoph-Dornier-Klinik. christoph-dornier-klinik.de
- Dipl.-Psych. Klaus Nuyken, Glossar Borderline-Persönlichkeitsstörung. knuyken.de
- Borderline – Entstehung nach M. Linehan und M. Bohus. psy-reile.de
- Die Dialektisch Behaviorale Therapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, GRIN. grin.com
- Dialektisch-Behaviorale Therapie: Verständnis durch ausführliche Dialoge, Deutsches Ärzteblatt. aerzteblatt.de
- Die therapeutische Beziehung in der Dialektisch-Behavioralen Therapie. sbt-in-berlin.de (PDF)
💬 Fazit & Community-Frage
Invalidierung erklärt nicht alles an Borderline – aber sie liefert ein wichtiges Puzzleteil, um zu verstehen, warum Gefühle so überwältigend werden können und warum genau das Gegenteil, Validierung, in der Therapie so wirksam ist. Der Weg zurück zu den eigenen Gefühlen beginnt oft mit einem einzigen Satz: "Es ergibt Sinn, dass ich das fühle."
Kennst du Situationen, in denen du dich invalidiert gefühlt hast – oder hast du erlebt, wie befreiend echte Validierung sein kann? Teile deine Erfahrung gerne im Thread.
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Über den Autor
Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.
Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!
Schreibt mich gerne an. ![]()