1 Interpersonelle Probleme
2 Was sind interpersonelle Probleme?
Interpersonelle Probleme sind Schwierigkeiten, die im Umgang mit anderen Menschen und in zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen können.
Der Begriff „interpersonell“ bedeutet schlicht „zwischen Menschen“.
Jeder Mensch erlebt gelegentlich Konflikte, Missverständnisse oder Enttäuschungen. Bei manchen psychischen Erkrankungen können zwischenmenschliche Schwierigkeiten jedoch besonders häufig, intensiv oder belastend auftreten.
Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung spielen interpersonelle Probleme häufig eine wichtige Rolle. Beziehungen können dabei sehr intensiv erlebt werden und gleichzeitig durch starke Emotionen, Unsicherheit und Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden belastet sein.
3 Wie können sich interpersonelle Probleme zeigen?
Zwischenmenschliche Schwierigkeiten können sehr unterschiedlich aussehen.
Mögliche Beispiele sind:
- häufige Konflikte
- starke Angst vor Zurückweisung
- Verlassenheitsangst
- Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz
- starkes Bedürfnis nach Bestätigung
- Probleme, Grenzen zu setzen
- Schwierigkeiten, Grenzen anderer zu akzeptieren
- intensive Freundschaften oder Partnerschaften
- häufige Beziehungsabbrüche
- starke Eifersucht
- Misstrauen
- schnelle Enttäuschung
- Idealisierung und Entwertung
- Schwarz-Weiß-Denken
- impulsive Reaktionen auf Konflikte
- Schwierigkeiten, Kritik auszuhalten
- Probleme, eigene Bedürfnisse auszudrücken
Nicht alle diese Schwierigkeiten müssen gleichzeitig auftreten.
4 Beziehungen bei Borderline
Menschen mit Borderline können Beziehungen häufig besonders intensiv erleben.
Eine Person kann innerhalb kurzer Zeit sehr wichtig werden:
Zitat„Endlich habe ich jemanden gefunden, der mich wirklich versteht.“
Gleichzeitig kann die Angst entstehen, diese Person wieder zu verlieren.
Schon kleine Veränderungen können dann Unsicherheit auslösen:
Zitat„Warum schreibt sie heute weniger?“
Zitat„Ist sie sauer auf mich?“
Zitat„Habe ich etwas falsch gemacht?“
Diese Unsicherheit kann wiederum starke Gefühle auslösen.
5 Der Kreislauf zwischenmenschlicher Probleme
Ein möglicher Kreislauf kann so aussehen:
Situation
Eine wichtige Person antwortet nicht.
↓
Gedanke
„Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben.“
↓
Gefühl
Angst und Verzweiflung.
↓
Die emotionale Belastung steigt.
↓
Verhalten
Mehrere Nachrichten werden geschrieben oder es kommt zu Vorwürfen.
↓
Reaktion der anderen Person
Sie fühlt sich unter Druck und zieht sich zurück.
↓
Interpretation
„Ich wusste es. Sie verlässt mich.“
↓
Noch stärkere Angst
Der Kreislauf beginnt erneut.
Das Problem liegt dabei nicht unbedingt in einem einzelnen Verhalten. Häufig verstärken sich Angst, Interpretation und Reaktion gegenseitig.
6 Nähe und Distanz
Ein häufiges Thema kann die Balance zwischen Nähe und Distanz sein.
Einerseits besteht ein starkes Bedürfnis nach Nähe:
Zitat„Bitte bleib bei mir.“
Andererseits kann zu viel Nähe ebenfalls überfordernd sein.
Dann kann plötzlich der Wunsch entstehen:
Zitat„Lass mich in Ruhe.“
Diese scheinbaren Gegensätze können für Betroffene und ihre Mitmenschen schwer verständlich sein.
Es kann helfen zu erkennen, dass Nähe und der Wunsch nach Abstand gleichzeitig existieren können.
7 Angst vor Zurückweisung
Die Angst vor Zurückweisung kann dazu führen, dass neutrale Situationen als Ablehnung interpretiert werden.
Beispiel:
Zitat„Heute habe ich keine Zeit.“
kann gehört werden als:
Zitat„Ich möchte nichts mit dir zu tun haben.“
Die emotionale Reaktion richtet sich dann möglicherweise nicht nur auf das Gesagte, sondern auf die befürchtete Bedeutung dahinter.
Hilfreich kann die Frage sein:
Zitat„Was wurde tatsächlich gesagt – und was denke ich, was es bedeutet?“
8 Verlassenheitsangst
Auch die Verlassenheitsangst kann Beziehungen stark beeinflussen.
Die Befürchtung, einen wichtigen Menschen zu verlieren, kann zu
- Klammern,
- Rückversicherung,
- Eifersucht,
- Kontrollverhalten,
- Wut,
- Rückzug
- oder impulsiven Beziehungsabbrüchen
führen.
Dabei steckt hinter dem Verhalten häufig eine starke Angst.
Das Verhalten kann für die andere Person trotzdem belastend sein.
Deshalb ist es wichtig, sowohl die zugrunde liegende Angst als auch die Auswirkungen des eigenen Verhaltens ernst zu nehmen.
9 Idealisierung und Entwertung
Eine weitere mögliche Schwierigkeit ist der Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung.
Eine Person kann zunächst als außergewöhnlich positiv erlebt werden:
Zitat„Sie ist die beste Freundin, die ich jemals hatte.“
Nach einer Enttäuschung kann sich die Wahrnehmung stark verändern:
Zitat„Sie ist genauso wie alle anderen. Ich kann ihr nicht vertrauen.“
Dieses Muster wird häufig mit Splitting in Verbindung gebracht.
Es bedeutet nicht, dass die Gefühle bewusst vorgetäuscht werden.
Vielmehr können sich Wahrnehmung und Gefühle unter starker emotionaler Belastung sehr stark verändern.
10 Konflikte und Wutausbrüche
Zwischenmenschliche Konflikte können starke Wut auslösen.
Ein Streit kann beispielsweise nicht nur als Meinungsverschiedenheit erlebt werden, sondern als:
Zitat„Du verstehst mich nicht.“
oder:
Zitat„Du bist gegen mich.“
Die Wut kann dann schnell eskalieren.
Mögliche Reaktionen sind:
- Schreien
- Vorwürfe
- Beschimpfungen
- impulsive Nachrichten
- Rückzug
- Kontaktabbruch
- Drohungen
- Weinen
- Selbstverletzungsdruck
Nach dem Konflikt können wiederum Scham, Schuldgefühle und Angst vor dem Verlust der Beziehung entstehen.
11 Kommunikationsprobleme
Interpersonelle Probleme entstehen nicht immer durch starke Emotionen. Auch Schwierigkeiten in der Kommunikation können eine Rolle spielen.
Beispielsweise kann es schwerfallen,
- eigene Bedürfnisse klar auszudrücken,
- „Nein“ zu sagen,
- Kritik anzunehmen,
- Kritik angemessen zu formulieren,
- Grenzen zu setzen,
- um Hilfe zu bitten,
- einen Konflikt auszuhalten,
- Kompromisse zu finden.
Manchmal werden Bedürfnisse indirekt ausgedrückt.
Statt:
Zitat„Ich wünsche mir gerade etwas Aufmerksamkeit.“
kann beispielsweise gesagt werden:
Zitat„Dir ist ja sowieso alles egal.“
Der eigentliche Wunsch nach Nähe geht dabei in einem Vorwurf unter.
12 Grenzen setzen
Gesunde Beziehungen brauchen Grenzen.
Eine Grenze bedeutet beispielsweise:
Zitat„Ich möchte heute nicht telefonieren.“
oder:
Zitat„Ich brauche nach unserem Streit erst einmal etwas Zeit.“
Eine Grenze ist nicht automatisch eine Zurückweisung.
Das zu unterscheiden kann bei starker Verlassenheitsangst besonders schwierig sein.
Gleichzeitig ist es wichtig, auch die eigenen Grenzen wahrzunehmen:
Zitat„Ich möchte nicht beschimpft werden.“
Zitat„Ich brauche eine Pause.“
Zitat„Darüber möchte ich später sprechen.“
13 Was kann im Konflikt helfen?
Wenn die Emotionen stark ansteigen, kann es sinnvoll sein, das Gespräch zunächst zu unterbrechen.
Eine mögliche Formulierung lautet:
Zitat„Ich merke, dass ich gerade sehr angespannt bin. Ich möchte das Gespräch nicht eskalieren lassen und brauche kurz Zeit, um mich zu beruhigen.“
Damit wird der Kontakt nicht automatisch beendet.
Es wird lediglich eine Pause zur Emotionsregulation geschaffen.
14 Fakten und Interpretationen unterscheiden
Eine sehr hilfreiche Übung kann sein, zwischen dem tatsächlichen Ereignis und der eigenen Interpretation zu unterscheiden.
14.1 Situation
Zitat„Meine Freundin hat heute nicht auf meine Nachricht geantwortet.“
14.2 Interpretation
Zitat„Sie ist sauer auf mich.“
14.3 Befürchtung
Zitat„Sie will mich verlassen.“
14.4 Gefühl
Zitat„Angst und Verzweiflung.“
Alle vier Ebenen können sich real anfühlen, sind aber nicht dasselbe.
Diese Unterscheidung kann helfen, nicht sofort auf eine Interpretation zu reagieren.
15 Was kann langfristig helfen?
Interpersonelle Probleme können psychotherapeutisch bearbeitet werden.
Bei Borderline ist insbesondere die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) bekannt für ihre Arbeit an zwischenmenschlichen Fähigkeiten.
Ein wichtiger Bereich sind die zwischenmenschlichen Fertigkeiten.
Dabei kann unter anderem gelernt werden:
- eigene Wünsche klar auszudrücken
- Grenzen zu setzen
- Beziehungen zu erhalten
- Konflikte besser zu bewältigen
- Selbstachtung zu bewahren
- angemessen „Nein“ zu sagen
- Bedürfnisse zu formulieren
- Kritik auszuhalten
- zwischen Gefühl und Handlung zu unterscheiden
Auch MBT, Schema-Therapie und TFP können bei Schwierigkeiten in Beziehungen eingesetzt werden.
16 Beziehungskompetenz kann gelernt werden
Zwischenmenschliche Schwierigkeiten bedeuten nicht, dass jemand grundsätzlich unfähig zu Beziehungen ist.
Kommunikation, Grenzen, Konfliktlösung und Emotionsregulation sind Fähigkeiten, die gelernt und trainiert werden können.
Dabei muss nicht jede Beziehung gerettet werden.
Eine gesunde Beziehung bedeutet nicht, dass man jeden Konflikt vermeiden muss.
Vielmehr geht es darum, Konflikte zunehmend so zu bewältigen, dass beide Menschen ihre Bedürfnisse und Grenzen ernst nehmen können.
17 Was Angehörige und Freunde wissen sollten
Für Angehörige und Freunde können starke emotionale Reaktionen schwer verständlich sein.
Es kann helfen, die Gefühle ernst zu nehmen, ohne jedes Verhalten gutzuheißen.
Zum Beispiel:
Zitat„Ich verstehe, dass du gerade sehr verletzt bist. Ich möchte aber nicht angeschrien werden. Wir können darüber sprechen, wenn wir beide ruhiger sind.“
Damit werden gleichzeitig Emotion und Grenze anerkannt.
Verständnis bedeutet nicht, dass andere Menschen sich alles gefallen lassen müssen.
18 Ein kleiner Selbstcheck
Nach einem Konflikt können folgende Fragen helfen:
- Was ist tatsächlich passiert?
- Was habe ich darüber gedacht?
- Welche Gefühle hatte ich?
- Was habe ich spontan tun wollen?
- Was habe ich tatsächlich getan?
- Wie hat die andere Person vermutlich darauf reagiert?
- Was hat die Situation verschärft?
- Was hat geholfen?
- Welche Grenze wurde möglicherweise berührt?
- Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen?
Diese Fragen können helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen.
19 Kurz zusammengefasst
Interpersonelle Probleme sind Schwierigkeiten in Beziehungen und im Umgang mit anderen Menschen.
Bei Borderline können sie unter anderem durch starke Emotionen, Verlassenheitsangst, Zurückweisungsempfindlichkeit, Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz, Splitting und Probleme bei der Emotionsregulation verstärkt werden.
Dabei sind Beziehungen nicht grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.
Mit therapeutischer Unterstützung und dem Erlernen neuer Fähigkeiten können Betroffene lernen, Gefühle besser zu regulieren, Bedürfnisse klarer auszudrücken, Grenzen zu setzen und Konflikte anders zu bewältigen.
ZitatMerksatz: Gute Beziehungen bedeuten nicht, dass es niemals Konflikte gibt. Entscheidend ist, zu lernen, wie man mit Konflikten, Grenzen, Nähe und Distanz umgehen kann, ohne dass jede schwierige Situation die gesamte Beziehung infrage stellt.
Hinweis: Dieser Lexikonartikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.