1 Soziale Angststörung
Die soziale Angststörung, auch soziale Phobie genannt, ist eine psychische Erkrankung, bei der soziale Situationen mit einer starken und anhaltenden Angst verbunden sind. Betroffene haben häufig die Befürchtung, von anderen Menschen negativ bewertet, abgelehnt, ausgelacht oder peinlich beurteilt zu werden. Die Angst kann dabei deutlich stärker sein als die tatsächliche Gefahr der Situation.
Soziale Angst kann sich auf unterschiedliche Situationen beziehen. Manche Betroffene haben Angst davor, vor anderen zu sprechen, im Mittelpunkt zu stehen oder mit unbekannten Menschen zu reden. Andere fürchten sich beispielsweise davor, zu telefonieren, gemeinsam mit anderen zu essen, jemanden anzusehen, etwas vor einer Gruppe vorzuführen oder sich in einer Gruppe zu Wort zu melden.
Ein zentraler Bestandteil der sozialen Angst ist die Sorge, sich zu blamieren oder einen Fehler zu machen. Gedanken wie „Alle werden merken, dass ich nervös bin“ oder „Die anderen halten mich für peinlich“ können starke Angst auslösen. Häufig richtet sich die Aufmerksamkeit dabei sehr stark auf die eigene Person. Körperliche Reaktionen wie Zittern, Erröten, Schwitzen, Herzklopfen, Übelkeit oder eine angespannte Stimme können zusätzlich die Befürchtung verstärken, dass andere die eigene Unsicherheit bemerken.
Um die Angst zu reduzieren, vermeiden Betroffene häufig bestimmte Situationen. Sie sagen beispielsweise Treffen ab, sprechen möglichst wenig, meiden größere Gruppen oder verzichten auf Aktivitäten, die ihnen eigentlich wichtig wären. Kurzfristig kann diese Vermeidung Erleichterung bringen. Langfristig kann sie die Angst jedoch verstärken, weil die Erfahrung fehlt, dass soziale Situationen auch ohne negative Folgen bewältigt werden können.
Soziale Angst kann außerdem zu Einsamkeit führen. Betroffene wünschen sich möglicherweise Freundschaften, Nähe und soziale Kontakte, haben aber gleichzeitig große Angst davor, auf andere zuzugehen. Dadurch kann ein schmerzhafter Widerspruch entstehen: Das Bedürfnis nach Kontakt ist vorhanden, aber die Angst macht den Kontakt schwierig.
Auch Selbstwertprobleme können eine Rolle spielen. Menschen mit sozialer Angst beurteilen sich selbst häufig sehr kritisch und stellen hohe Erwartungen an ihr eigenes Verhalten. Ein kleiner Fehler kann sich innerlich wie ein großes Versagen anfühlen. Dadurch entsteht leicht ein Kreislauf aus Angst, Selbstbeobachtung, Vermeidung und anschließender Selbstkritik.
Die soziale Angststörung ist nicht einfach Schüchternheit. Schüchternheit ist eine weit verbreitete Persönlichkeitseigenschaft und muss keine psychische Erkrankung darstellen. Bei einer sozialen Angststörung sind die Ängste dagegen so ausgeprägt, dass sie das persönliche, berufliche oder soziale Leben deutlich beeinträchtigen können.
Eine soziale Angststörung kann behandelt werden. Besonders die kognitive Verhaltenstherapie gilt als wichtige Behandlungsmöglichkeit. Dabei können Betroffene lernen, angstauslösende Gedanken zu überprüfen, soziale Situationen schrittweise aufzusuchen und einen weniger selbstkritischen Umgang mit sich selbst zu entwickeln. Je nach Situation können auch andere therapeutische oder medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll sein.
Wichtig ist, dass soziale Angst nicht bedeutet, dass jemand „unsozial“ ist. Häufig besteht im Gegenteil ein großer Wunsch nach Zugehörigkeit und zwischenmenschlicher Nähe. Die Angst vor Bewertung oder Ablehnung steht diesem Wunsch jedoch im Weg.
Mit geeigneter Unterstützung kann sich soziale Angst deutlich verändern. Ziel ist nicht unbedingt, in jeder sozialen Situation völlig angstfrei zu sein. Vielmehr geht es darum, trotz vorhandener Unsicherheit am Leben teilnehmen, Beziehungen aufbauen und eigene Wünsche verwirklichen zu können.