1 Wise Mind
Wise Mind – auf Deutsch häufig als „Weiser Geist“ bezeichnet – ist ein zentrales Konzept der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT). Es beschreibt einen inneren Zustand, in dem Gefühl und Verstand miteinander verbunden werden. Ziel ist es, Entscheidungen nicht ausschließlich aus einer starken Emotion heraus und auch nicht nur auf Grundlage nüchterner Logik zu treffen.
In der DBT wird häufig zwischen drei Zuständen unterschieden:
1.1 Emotionaler Verstand
Im emotionalen Verstand bestimmen Gefühle und Impulse stark das Denken und Handeln. Man reagiert beispielsweise aus Wut, Angst, Trauer oder Verzweiflung heraus, ohne ausreichend darüber nachzudenken, welche Folgen die Handlung haben könnte.
Emotionen sind dabei nicht grundsätzlich schlecht. Sie liefern wichtige Informationen. Schwierigkeiten können entstehen, wenn die emotionale Reaktion so stark wird, dass kaum noch andere Perspektiven berücksichtigt werden.
1.2 Rationaler Verstand
Im rationalen Verstand steht logisches und sachliches Denken im Vordergrund. Entscheidungen werden anhand von Fakten, Regeln und Konsequenzen getroffen.
Auch dieser Zustand ist wichtig. Allerdings können rein rationale Entscheidungen die eigenen Gefühle, Bedürfnisse oder persönlichen Werte außer Acht lassen.
1.3 Weiser Geist
Der Wise Mind verbindet beide Seiten miteinander. Gefühle werden wahrgenommen und ernst genommen, während gleichzeitig die Vernunft und die tatsächlichen Konsequenzen berücksichtigt werden.
Die Frage lautet beispielsweise nicht nur:
„Was fühle ich gerade?“
und auch nicht ausschließlich:
„Was wäre logisch?“
Sondern:
„Was weiß ich tief im Inneren, wenn ich meine Gefühle und meinen Verstand zusammen betrachte?“
Ein Beispiel: Eine Person ist nach einem Streit sehr wütend und möchte sofort eine verletzende Nachricht schreiben. Der emotionale Verstand sagt vielleicht: „Ich muss sofort reagieren.“ Der rationale Verstand sagt: „Ich sollte überhaupt keine Gefühle zeigen.“ Der Wise Mind könnte dagegen zu dem Schluss kommen: „Ich bin verletzt und wütend. Meine Gefühle sind wichtig, aber ich möchte später ruhig darüber sprechen, statt jetzt impulsiv zu reagieren.“
Wise Mind bedeutet deshalb nicht, Gefühle auszuschalten. Gefühle dürfen vorhanden sein. Gleichzeitig wird versucht, ihnen nicht automatisch die vollständige Kontrolle über das Verhalten zu überlassen.
Der Wise Mind kann durch Achtsamkeit gefördert werden. Dazu gehört beispielsweise, innezuhalten, den eigenen inneren Zustand wahrzunehmen und nicht sofort auf einen Impuls zu reagieren. Auch der STOP-Skill kann dabei helfen, zunächst Abstand zu gewinnen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Wise Mind nicht unbedingt bedeutet, die „perfekte“ Entscheidung zu kennen. Manchmal gibt es keine eindeutig richtige Lösung. Wise Mind kann vielmehr bedeuten, eine Entscheidung zu treffen, die zu den eigenen Werten, Bedürfnissen und der aktuellen Realität passt.
Wise Mind ist eine Fähigkeit, die sich entwickeln und üben lässt. Mit zunehmender Erfahrung kann es leichter werden, emotionale Reaktionen wahrzunehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden, und gleichzeitig rationales Denken einzubeziehen.
Der zentrale Gedanke lautet:
„Meine Gefühle sind wichtig. Mein Verstand ist wichtig. Ich darf beides miteinander verbinden und dann bewusst entscheiden.“