1 Medikamentenabhängigkeit
Kurzdefinition: Medikamentenabhängigkeit bezeichnet ein Muster von körperlicher und/oder psychischer Abhängigkeit von einem eigentlich verordneten Arzneimittel, bei dem die Kontrolle über Einnahme, Menge oder Dauer zunehmend verloren geht und die Einnahme trotz negativer Folgen fortgesetzt wird.
2 Was ist Medikamentenabhängigkeit?
Anders als bei illegalen Substanzen entsteht Medikamentenabhängigkeit meist schleichend und im Rahmen einer eigentlich sinnvollen, ärztlich verordneten Behandlung. Bestimmte Wirkstoffgruppen haben ein erhöhtes Abhängigkeitspotenzial, wenn sie über einen längeren Zeitraum oder in höherer Dosis als verordnet eingenommen werden. Man unterscheidet dabei zwei Formen, die oft gemeinsam auftreten:
- Körperliche Abhängigkeit – der Körper hat sich an die Substanz gewöhnt; beim Absetzen treten körperliche Entzugserscheinungen auf
- Psychische Abhängigkeit – ein starkes, oft schwer kontrollierbares Verlangen nach der Substanz, häufig verbunden mit dem Gefühl, ohne sie nicht mehr zurechtzukommen
3 Welche Medikamente sind besonders betroffen?
Ein erhöhtes Abhängigkeitsrisiko besteht vor allem bei:
- Benzodiazepinen (z. B. gegen Angst, innere Unruhe oder Schlafstörungen) – bereits nach wenigen Wochen regelmäßiger Einnahme kann sich eine Abhängigkeit entwickeln
- Z-Substanzen (bestimmte Schlafmittel) – ähnliches Risikoprofil wie Benzodiazepine
- Opioidhaltigen Schmerzmitteln – Abhängigkeitsrisiko besonders bei längerer Anwendung
- Vereinzelt auch bei anderen Substanzen mit beruhigender oder stimmungsaufhellender Wirkung
Nicht jedes Medikament, das bei psychischen Erkrankungen eingesetzt wird, hat ein relevantes Abhängigkeitspotenzial – viele Antidepressiva oder Stimmungsstabilisierer beispielsweise machen im klassischen Sinne nicht abhängig, auch wenn beim Absetzen vorübergehende Beschwerden auftreten können.
4 Warnzeichen
Mögliche Hinweise auf eine sich entwickelnde Abhängigkeit sind unter anderem:
- Das Medikament wird häufiger oder in höherer Dosis eingenommen als verordnet
- Es entsteht ein starkes gedankliches Kreisen um die nächste Einnahme
- Vorräte werden gehortet, mehrere Ärzt:innen für Rezepte aufgesucht
- Absetzversuche scheitern trotz Bemühens wiederholt
- Die Einnahme wird trotz erkennbarer negativer Folgen fortgesetzt
5 Medikamentenabhängigkeit und Borderline
Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung erhalten aufgrund von Symptomen wie starker innerer Anspannung, Schlafstörungen oder Angst häufiger Medikamente aus Risikogruppen wie Benzodiazepinen verordnet – oft zur kurzfristigen Krisenintervention gedacht. Gleichzeitig können Impulsivität und Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, die bei BPS zum Störungsbild gehören, das Risiko einer unkontrollierten Einnahme zusätzlich erhöhen.
Aus diesem Grund wird in aktuellen Behandlungsleitlinien bei BPS empfohlen, Medikamente mit hohem Abhängigkeitspotenzial nur zurückhaltend und wenn möglich zeitlich begrenzt einzusetzen, und stattdessen vorrangig auf psychotherapeutische Ansätze (z. B. DBT-Skills zur Anspannungsregulation) zu setzen.
6 Was tun bei Verdacht auf eine Abhängigkeit?
- Offen mit der behandelnden Praxis sprechen – Scham ist ein häufiges Hindernis, aber Abhängigkeit ist eine anerkannte, behandelbare Erkrankung und kein persönliches Versagen
- Nicht eigenmächtig abrupt absetzen – gerade bei Benzodiazepinen kann ein plötzliches Absetzen zu ernsten, teils gefährlichen Entzugserscheinungen führen; ein Absetzen sollte ärztlich begleitet und in der Regel schrittweise erfolgen
- Unterstützung suchen – etwa über die behandelnde Praxis, Suchtberatungsstellen oder spezialisierte Kliniken
7 Wo gibt es Unterstützung?
Bei Fragen oder Sorgen rund um die eigene Medikamenteneinnahme sind die behandelnde Ärztin/der behandelnde Arzt der erste Ansprechpartner. Zusätzlich bieten örtliche Suchtberatungsstellen sowie die Sucht- und Drogenhotline (bundesweit erreichbar) anonyme, kostenlose Beratung.
8 Fazit
Medikamentenabhängigkeit kann sich auch bei eigentlich sinnvoll begonnener, ärztlich verordneter Behandlung entwickeln – besonders bei Substanzen wie Benzodiazepinen. Entscheidend sind ein wachsames Auge auf Warnzeichen, ein offener Austausch mit der Behandlung und – falls nötig – eine ärztlich begleitete, schrittweise Reduktion statt eines eigenmächtigen Absetzens.