Kontrollverlust bezeichnet das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Gedanken, Gefühle, Impulse, Handlungen oder eine Situation nicht mehr ausreichend steuern zu können. Dieses Erleben kann sehr beängstigend und überwältigend sein. Häufig entsteht der Eindruck, dass die eigenen Gefühle oder Gedanken „zu stark“ werden und man ihnen ausgeliefert ist.
Kontrollverlust kann insbesondere in Situationen auftreten, in denen die innere Anspannung stark ansteigt. Angst, Wut, Verzweiflung, Trauer oder emotionale Überflutung können sich so intensiv anfühlen, dass die Fähigkeit, ruhig nachzudenken und bewusst zu handeln, vorübergehend eingeschränkt ist.
1 Wie kann sich Kontrollverlust anfühlen?
Kontrollverlust kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Betroffene können beispielsweise das Gefühl haben:
- von den eigenen Gefühlen überrollt zu werden,
- impulsiv zu reagieren,
- nicht mehr klar denken zu können,
- Gedanken nicht stoppen zu können,
- eine Situation nicht mehr bewältigen zu können,
- sich selbst nicht wiederzuerkennen,
- den Überblick zu verlieren,
- den eigenen Körper oder die Umgebung als fremd zu erleben,
- unbedingt etwas tun zu müssen, um die innere Anspannung zu reduzieren.
Auch körperliche Symptome wie Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Atembeschwerden, Muskelanspannung oder Schwindel können das Gefühl des Kontrollverlusts verstärken.
2 Kontrollverlust und starke Emotionen
Bei sehr starken Emotionen kann die sogenannte emotionale Überflutung dazu führen, dass die Aufmerksamkeit fast vollständig auf das aktuelle Gefühl gerichtet ist. Die Fähigkeit, verschiedene Handlungsmöglichkeiten abzuwägen, kann dadurch vorübergehend eingeschränkt sein.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass tatsächlich jegliche Kontrolle verloren gegangen ist. Das subjektive Gefühl kann wesentlich stärker sein als der tatsächliche Verlust der Steuerungsfähigkeit.
3 Kontrollverlust in Beziehungen
Auch zwischenmenschliche Situationen können Kontrollverlust auslösen. Beispielsweise können Zurückweisung, Streit, Distanz oder die Angst vor dem Verlassenwerden sehr starke emotionale Reaktionen hervorrufen.
Manche Menschen versuchen dann, die Situation möglichst schnell wieder unter Kontrolle zu bringen. Dies kann sich beispielsweise durch häufiges Schreiben oder Anrufen, Klammern, Rückversicherung, Rückzug, Wutausbrüche oder impulsive Entscheidungen zeigen.
Hinter solchen Reaktionen steht häufig nicht der Wunsch, andere Menschen zu kontrollieren, sondern der Versuch, die eigene Angst und innere Unsicherheit zu reduzieren.
4 Was kann bei Kontrollverlust helfen?
Wenn das Gefühl des Kontrollverlusts zunimmt, kann es hilfreich sein, zunächst nicht sofort zu handeln. Eine kurze Unterbrechung kann dabei helfen, wieder etwas Abstand zu den eigenen Gefühlen zu gewinnen.
Hilfreich können sein:
- langsam und bewusst atmen,
- die aktuelle Situation verlassen, wenn sie zu überfordernd ist,
- einen Bodenanker oder andere Skills verwenden,
- die Umgebung bewusst wahrnehmen,
- Gefühle und Gedanken aufschreiben,
- einige Minuten warten, bevor man eine wichtige Entscheidung trifft,
- mit einer vertrauten Person sprechen,
- sich daran erinnern: „Ich fühle gerade Kontrollverlust, aber ich muss nicht sofort handeln.“
Ziel ist nicht, unangenehme Gefühle sofort verschwinden zu lassen. Vielmehr geht es darum, die eigene Handlungsfähigkeit Schritt für Schritt zurückzugewinnen.
Kontrollverlust ist häufig ein Zeichen von starker innerer Belastung oder Überforderung. Das Erleben kann sehr real und beängstigend sein. Mit geeigneten Strategien, Skills und gegebenenfalls therapeutischer Unterstützung kann jedoch gelernt werden, intensive Gefühle besser auszuhalten und impulsive Reaktionen zu reduzieren.