1 Extinktion
Extinktion bezeichnet in der Psychologie einen Lernprozess, bei dem eine zuvor gelernte Reaktion allmählich schwächer wird, weil die erwartete Konsequenz oder Verstärkung ausbleibt.
Der Begriff spielt insbesondere bei der klassischen und operanten Konditionierung eine wichtige Rolle.
1.1 Extinktion bei klassischer Konditionierung
Bei der klassischen Konditionierung wird eine Reaktion durch einen bestimmten Reiz ausgelöst.
Beispiel:
Eine Person hat gelernt, dass ein bestimmtes Geräusch mit einer unangenehmen Erfahrung verbunden ist. Dadurch entsteht beim Geräusch Angst.
Wenn das Geräusch anschließend wiederholt auftritt, ohne dass etwas Unangenehmes passiert, kann die Angstreaktion mit der Zeit schwächer werden.
Reiz → erwartete Konsequenz bleibt aus → Reaktion nimmt ab
1.2 Extinktion und Angst
Bei Angststörungen kann Extinktion eine wichtige Rolle spielen. Durch Exposition erlebt eine Person wiederholt eine angstauslösende Situation, ohne dass die befürchtete Katastrophe eintritt.
Beispielsweise:
Zitat„Ich habe Angst, in einem Raum mit vielen Menschen zu sein.“
→ Die Person bleibt trotzdem dort.
→ Die befürchtete Ablehnung oder Katastrophe tritt nicht ein.
→ Mit zunehmenden Erfahrungen kann die Angstreaktion schwächer werden.
1.3 Wichtig: Extinktion bedeutet nicht Löschen
Ein wichtiger Punkt ist, dass die ursprüngliche Lernerfahrung nicht unbedingt vollständig gelöscht wird.
Die Person kann beispielsweise später wieder Angst verspüren, obwohl sie die Situation bereits erfolgreich bewältigt hat. Das nennt man unter anderem spontane Erholung.
Deshalb ist es hilfreicher, Extinktion als neues Lernen zu verstehen:
Zitat„Die Situation ist nicht automatisch gefährlich, auch wenn ich früher gelernt habe, sie als gefährlich wahrzunehmen.“
1.4 Extinktion und Borderline
Bei Borderline können gelernte Erwartungen in Beziehungen eine Rolle spielen, beispielsweise:
- „Wenn jemand nicht antwortet, werde ich verlassen.“
- „Wenn jemand Abstand möchte, bedeutet das Ablehnung.“
- „Konflikte führen zwangsläufig zum Beziehungsabbruch.“
Durch neue Beziehungserfahrungen und therapeutische Arbeit können solche automatischen Erwartungen überprüft und verändert werden.
1.5 Extinktion vs. Verdrängung
Extinktion bedeutet nicht, ein Gefühl zu unterdrücken oder eine Erinnerung zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, dass eine gelernte Reaktion durch neue Erfahrungen an Stärke verliert.
Kurz gesagt:
ZitatExtinktion ist ein Lernprozess, bei dem eine zuvor gelernte Reaktion schwächer wird, weil die erwartete Konsequenz wiederholt ausbleibt.