1 Entwertung
Entwertung beschreibt eine starke negative Bewertung einer Person, einer Beziehung oder auch der eigenen Person. Im Zusammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung kann Entwertung als Reaktion auf intensive Gefühle, Enttäuschung, Angst oder wahrgenommene Zurückweisung auftreten. Sie kann dabei plötzlich entstehen und sich sehr absolut anfühlen.
Ein Mensch, der zuvor als besonders wichtig, liebevoll oder einzigartig erlebt wurde, kann nach einer Enttäuschung plötzlich als kalt, egoistisch, gemein oder vollkommen uninteressiert wahrgenommen werden. Häufig findet dabei ein schneller Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung statt. Die gleiche Person kann zunächst als „perfekt“ erlebt werden und kurze Zeit später als „schrecklich“ oder „wertlos“.
Diese Veränderungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass die Gefühle zuvor unecht waren. Vielmehr können widersprüchliche Gefühle und Eigenschaften einer Person in emotional belastenden Situationen schwer gleichzeitig ausgehalten werden. Wenn beispielsweise Liebe, Enttäuschung und Wut gleichzeitig vorhanden sind, kann die Entwertung vorübergehend dabei helfen, diesen inneren Widerspruch zu vereinfachen.
Entwertung kann auch sich selbst betreffen. Nach Konflikten oder einer wahrgenommenen Zurückweisung können Gedanken entstehen wie: „Ich bin nichts wert“, „Niemand kann mich lieben“ oder „Ich mache alles kaputt.“ Dadurch kann das Selbstwertgefühl innerhalb kurzer Zeit stark schwanken.
In Beziehungen kann Entwertung für beide Seiten sehr belastend sein. Die betroffene Person erlebt möglicherweise intensive Wut oder Enttäuschung, während die andere Person sich plötzlich abgelehnt, ungerecht behandelt oder nicht wiedererkannt fühlt. Dadurch können Konflikte entstehen, die die ursprüngliche Angst vor Verlust und Zurückweisung zusätzlich verstärken.
Wichtig ist, Entwertung nicht vorschnell mit bewusster Manipulation gleichzusetzen. Häufig entsteht sie in einem Zustand hoher emotionaler Anspannung und dient unbewusst dazu, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen. Trotzdem können entwertende Worte und Handlungen verletzend sein. Verständnis für die Ursache bedeutet daher nicht, verletzendes Verhalten gutheißen zu müssen.
Mit zunehmender emotionaler Stabilität kann es leichter werden, mehrere Seiten eines Menschen gleichzeitig wahrzunehmen: Jemand kann einen enttäuschen und trotzdem ein wichtiger Mensch sein. Jemand kann einen Fehler machen und trotzdem gute Eigenschaften besitzen. Diese Fähigkeit, widersprüchliche Eigenschaften und Gefühle nebeneinander bestehen zu lassen, wird häufig als Ambivalenzfähigkeit bezeichnet.
Ein wichtiger Schritt im Umgang mit Entwertung besteht deshalb darin, zwischen dem momentanen Gefühl und einer umfassenden Bewertung der Person zu unterscheiden. Statt „Du bist ein schrecklicher Mensch“ kann beispielsweise der eigene Zustand benannt werden: „Ich bin gerade unglaublich enttäuscht und wütend auf dich.“ Dadurch wird das Gefühl ernst genommen, ohne die gesamte Person auf den aktuellen Konflikt zu reduzieren.
Entwertung ist somit häufig weniger ein Ausdruck fehlender Liebe als eine Reaktion auf intensive emotionale Belastung. Sie kann ein Versuch sein, innere Widersprüche, Verletzungen und Angst vor Zurückweisung zu bewältigen. Mit geeigneten Strategien zur Emotionsregulation kann gelernt werden, starke Gefühle auszuhalten, ohne Menschen oder sich selbst vollständig abzuwerten.