Stigmatisierung
In diesem Artikel möchte ich die Folgen von Stigmatisierung betrachten.
Der Wortstamm von “Stigmatisierung” ist das griechische “Stigma”- was ursprünglich “Brandmal” bedeutet und tatsächlich früher ein eingebranntes Mal zur Kennzeichnung von Sklaven und Verbrechern meinte.
Heute bezeichnet es eine negative Zuschreibung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Merkmale.
Stigmatisierung entsteht, wenn bestimmte Personen oder Gruppen aufgrund vermeintlicher oder tatsächlicher gesellschaftlicher Normierung als “andersartig” erlebt und bezeichnet werden. Dabei handelt es sich meißt um gesellschaftliche Minderheiten, denen negative und andersartige Eigenschaften zugeschrieben werden, um zwischen einem “Wir” und “Die” unterscheiden zu können und als Folge das “Wir” als besser zu erleben.
Die Tendenz zur Stigmatisierung ist ein erlernter Prozess, es ist bekannt, dass Kindern eine “Andersartigkeit” des Gegenübers gleichgültig ist- bis es durch die Umwelt und Erziehung lernt, dass dem nicht so ist und Menschen in Kategorien eingeteilt werden können und vermeintlich auch müssen.
So kann dies bereits sehr früh beginnen- mit zum Beispiel Ausgrenzung in Kindergarten und Schule aufgrund nicht erwartungsgemäßer Kleidung.
Stigmatisierung ist auch immer eine Folge der Möglichkeit zur Ausübung von Macht:
“Wir sind besser als Ihr und stehen über Euch”
Also kann davon ausgegangen werden, dass Stigmatisierung besonders in Gesellschaften und Gruppen zu finden ist, die sich vorrangig über Leistung und soziale Unterschiede definieren.
Folgen
Stigmatisierung kann alle Bereiche einer Gesellschaft betreffen:
Religion und ethnische Zugehörigkeit
Politische und private Orientierung
Bildungswesen
Arbeitswelt
Gesundheitswesen
Folgen einer Stigmatisierung können für den Betroffenen sehr weitreichend sein und das gesamte Leben betreffen. Sie führt zu
Sozialer Ausgrenzung und Rückzug
Verminderten Selbstwert
Weniger und schlechtere Chancen und Möglichkeiten in Bildung und Arbeit
Schlechtere Behandlung im Gesundheitswesen
Hier im Rahmen des Selbsthilfeforums gehe ich auf die möglichen Nachteile im Gesundheitswesen ein:
Auch heute ist es noch so, dass Therapeuten die Behandlung bestimmter Erkrankungen ablehnen- bekannt dafür ist es bei Betroffenen der BPS. Die Betroffenen werden oft als anstrengend, übergriffig, wechselhaft “eingeteilt”, sie übertreiben ständig, dramatisieren und wollen keine Verantwortung übernehmen.
Das dies alles die Folgen einer nicht ermöglichten ausreichenden Entwicklung ist, wird dabei leider übersehen- und dem Betroffenen eine Verantwortung aufgebürdet, welche aufgrund mangelnder Entwicklung anfangs gar nicht übernommen werden kann.
Vorurteile in diesem Setting können zu einer Verschlechterung der Symptomatik bis hin zur Therapieverweigerung führen- der Patient lernt, dass er keine angemessene Hilfe finden wird und seine Hilflosigkeit “falsch” ist, da sein Leidensdruck nicht ernst genommen wird.
Anstatt das Erleben und die Gefühle des Patienten zu validieren, werden diese relativiert und als unangemessen erlebt.
Auch im allgemeinen Gesundheitswesen kommt es zu Stigmatisierungen:
Die Beschreibung von Schmerzen und anderen Symptomen wird nicht ernst genommen- und unter Umständen eine notwendige Behandlung verweigert.
Eine in ihrer Problematik nicht zu unterschätzende Folge von Stigmatisierung ist die “Selbststigmatisierung”:
Der Patient übernimmt die von außen kommenden Vorurteile, fühlt sich selbst schuld an seiner Erkrankung und empfindet sich als willensschwach und inkompetent. Die Folge dieser Widersprüche der von Aussen kommenden Vorurteile und Bewertungen und dem eigenen inneren Erleben sind tiefe Konflikte und möglicherweise die Weigerung, sich angemessene Hilfe zu suchen.
Somit gerät der Patient in eine immer tiefer gehende negative Abwärtsspirale.
Vorbeugen
Verhindern kann man eine solch “krankmachende” Beziehung eigentlich nur, indem auf das eigene Erleben geachtet und dies ernst genommen wird:
Macht der Therapeut Vorschriften und viel zu enge Regeln?
Fühle ich mich zu etwas gezwungen?
Fühle ich mich ernst genommen oder werden meine Gefühle und Probleme abgetan und relativiert?
Ich denke, für einen Patienten, der nie gelernt hat, auf sich und seine Gefühle zu achten, dies ernst zu nehmen und danach zu handeln, ist es unter Umständen sehr schwer, eine solch belastende Beziehung zu erkennen und zu beenden.
Doch jeder Patient ist in der Lage zu erkennen, ob Fortschritte möglich sind und sich zeigen oder nicht- und möglichst danach zu handeln. Weitere Anzeichen sind eine Verschlechterung und Unzufriedenheit beim Patienten, oder ein Konflikt mit dem Therapeuten, der sich nicht lösen lässt.
Die Schwierigkeit kann allerdings darin liegen, diese Erkenntnis auch zuzulassen und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen- was einen Prozess für sich darstellt.
Es lässt sich also feststellen, dass Stigmatisierungen in der Psychotherapie ein sehr ernst zu nehmendes Problem darstellen- da Krankheitsbilder und Leidensdruck dadurch massiv erhöht werden können.
Stigmatisierungen können durch Aufklärung, Bildung und Austausch verhindert und verringert werden- indem auch ein Therapeut willens ist, sein Denken, Handeln und Behandlungsmethoden zu hinterfragen.
Gesellschaftliche Angebote wie Aufklärungsarbeit, Information und vor allem Kontakt zu Betroffenen kann zu einem deutlichen Abbau von Stigmatisierung führen.
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