1 Bipolare Störung
2 Was ist eine bipolare Störung?
Die bipolare Störung ist eine psychische Erkrankung, bei der sich Phasen mit deutlich veränderter Stimmung, Antrieb, Aktivität und Denken mit depressiven Phasen abwechseln können.
Der Begriff „bipolar“ bedeutet dabei nicht, dass die Stimmung einfach zwischen „gut“ und „schlecht“ wechselt. Vielmehr können sich ausgeprägte Stimmungsepisoden entwickeln, die sich deutlich vom persönlichen Normalzustand unterscheiden und über längere Zeit anhalten.
Zwischen den Episoden können Betroffene auch längere Zeit relativ stabil sein.
Die bipolare Störung gehört zu den affektiven Erkrankungen.
3 Welche Formen gibt es?
Es gibt verschiedene Formen der bipolaren Störung.
3.1 Bipolar-I-Störung
Bei der Bipolar-I-Störung tritt mindestens eine manische Episode auf. Häufig kommen zusätzlich depressive Episoden vor, sie sind für die Diagnose aber nicht zwingend erforderlich.
Eine Manie kann das Leben erheblich beeinträchtigen und beispielsweise zu Problemen in Beziehungen, im Beruf oder bei finanziellen Entscheidungen führen.
3.2 Bipolar-II-Störung
Bei der Bipolar-II-Störung treten hypomanische Episoden und depressive Episoden auf.
Eine Hypomanie ist grundsätzlich weniger stark ausgeprägt als eine Manie und führt normalerweise nicht zu einer ausgeprägten Beeinträchtigung der Realitätsprüfung.
Die depressiven Episoden können dagegen sehr schwer sein.
3.3 Zyklothyme Störung
Bei der Zyklothymie bestehen über längere Zeit wiederkehrende Stimmungsschwankungen mit hypomanischen und depressiven Symptomen, die jedoch nicht die vollständigen Kriterien einer Manie, Hypomanie oder schweren depressiven Episode erfüllen.
4 Was passiert während einer Manie?
Eine manische Episode geht über eine normale gute Stimmung oder besonders viel Energie deutlich hinaus.
Mögliche Anzeichen sind:
- ungewöhnlich gehobene oder gereizte Stimmung
- deutlich gesteigerter Antrieb
- stark vermindertes Schlafbedürfnis
- sehr schnelles Sprechen
- Gedankenrasen
- gesteigerte Gesprächigkeit
- erhöhte Ablenkbarkeit
- überschätztes Selbstvertrauen
- viele neue Ideen und Projekte
- gesteigerte Aktivität
- impulsives Verhalten
- riskante finanzielle Entscheidungen
- riskantes Sexualverhalten
- deutlich erhöhte Risikobereitschaft
Bei einer ausgeprägten Manie können auch psychotische Symptome auftreten, beispielsweise Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.
Eine Manie kann für die betroffene Person und ihr Umfeld erhebliche Folgen haben.
5 Was ist eine Hypomanie?
Eine Hypomanie ähnelt grundsätzlich einer Manie, ist aber weniger stark ausgeprägt.
Betroffene können beispielsweise deutlich energiegeladener, gesprächiger oder produktiver sein und weniger Schlaf benötigen.
Eine Hypomanie kann sich zunächst sogar angenehm anfühlen:
Zitat„Ich brauche kaum Schlaf, habe tausend Ideen und schaffe endlich alles.“
Genau das kann es schwierig machen, die Veränderung als Teil einer Erkrankung zu erkennen.
Trotzdem handelt es sich nicht einfach um besonders gute Laune oder eine produktive Phase. Entscheidend sind die deutliche Veränderung gegenüber dem üblichen Zustand, die Dauer und das gesamte Symptombild.
6 Die depressive Phase
Auf manische oder hypomanische Phasen können depressive Episoden folgen. Depressionen können aber auch unabhängig davon auftreten.
Typische Symptome sind:
- anhaltende Niedergeschlagenheit
- Verlust von Interesse und Freude
- Antriebslosigkeit
- starke Erschöpfung
- Schlafstörungen
- Veränderungen des Appetits
- Konzentrationsprobleme
- Schuldgefühle
- Gefühle von Wertlosigkeit
- Hoffnungslosigkeit
- sozialer Rückzug
- Gedanken an den Tod oder Suizid
Eine depressive Episode kann den Alltag erheblich einschränken.
7 Gibt es auch Mischzustände?
Bei einer bipolaren Störung können depressive und manische beziehungsweise hypomanische Symptome auch gleichzeitig oder sehr eng miteinander verbunden auftreten.
Ein Mensch kann beispielsweise gleichzeitig
- innerlich stark aufgewühlt sein,
- kaum schlafen,
- einen hohen Antrieb haben,
- Gedankenrasen erleben
und sich gleichzeitig
- verzweifelt,
- hoffnungslos oder
- wertlos
fühlen.
Solche Zustände können besonders belastend sein und sollten fachlich abgeklärt werden.
8 Bipolare Störung und Borderline – was ist der Unterschied?
Da in einem Borderline-Forum häufig beide Erkrankungen miteinander verwechselt werden, ist diese Unterscheidung besonders wichtig.
Borderline-Persönlichkeitsstörung und bipolare Störung sind unterschiedliche Erkrankungen.
Bei Borderline können Stimmung und Gefühle teilweise sehr schnell wechseln, beispielsweise innerhalb von Stunden. Häufig stehen dabei zwischenmenschliche Situationen, Zurückweisung, Konflikte oder Verlustängste im Zusammenhang mit den Stimmungsschwankungen.
Bei einer bipolaren Störung handelt es sich dagegen um klar abgrenzbare Stimmungsepisoden, insbesondere Manie, Hypomanie und Depression. Diese Episoden halten typischerweise deutlich länger an als die kurzfristigen emotionalen Schwankungen, die bei Borderline auftreten können.
Beispielsweise:
ZitatEine Person fühlt sich nach einem Streit verlassen, wird sehr wütend und verzweifelt und kann einige Stunden später wieder deutlich ruhiger sein.
Bipolare Störung:
ZitatEine Person entwickelt über mehrere Tage eine deutlich veränderte Stimmung mit stark reduziertem Schlafbedürfnis, gesteigertem Antrieb, Gedankenrasen und zunehmender Impulsivität.
Beide Erkrankungen können allerdings gleichzeitig vorkommen. Eine Diagnose sollte deshalb immer durch Fachpersonen erfolgen.
9 Wie wird eine bipolare Störung diagnostiziert?
Die Diagnose wird in der Regel durch eine psychiatrische oder psychotherapeutische Fachperson gestellt.
Dabei wird unter anderem betrachtet:
- Welche Stimmungsepisoden bisher aufgetreten sind
- Wie lange diese gedauert haben
- Wie stark die Veränderungen ausgeprägt waren
- Wie sich Schlaf, Antrieb und Verhalten verändert haben
- Ob es depressive, hypomanische oder manische Episoden gab
- Ob psychotische Symptome aufgetreten sind
- Welche Medikamente oder Substanzen eingenommen wurden
- Ob andere psychische oder körperliche Erkrankungen infrage kommen
- Wie die Stimmungsschwankungen über die Lebensgeschichte hinweg verlaufen sind
Gerade bei der Abgrenzung zu Depression, Borderline, ADHS oder substanzbedingten Stimmungsschwankungen ist eine sorgfältige Diagnostik wichtig.
10 Behandlung
Eine bipolare Störung kann behandelt werden. Ziel ist unter anderem, akute Episoden zu behandeln und weitere manische, hypomanische oder depressive Episoden möglichst zu verhindern.
Zur Behandlung können verschiedene Bausteine gehören.
10.1 Medikamente
Je nach Erkrankungsphase und individueller Situation können beispielsweise Stimmungsstabilisierer, bestimmte Antipsychotika oder andere Medikamente eingesetzt werden.
Welches Medikament geeignet ist, hängt unter anderem von der Form der bipolaren Störung, den aktuellen Symptomen, möglichen Nebenwirkungen und weiteren Erkrankungen ab.
Medikamente sollten nicht eigenständig abgesetzt oder verändert werden.
10.2 Psychotherapie
Psychotherapie kann eine wichtige Ergänzung zur medikamentösen Behandlung darstellen.
Dabei können beispielsweise folgende Themen bearbeitet werden:
- Umgang mit Stimmungsschwankungen
- Erkennen früher Warnzeichen
- Umgang mit Stress
- Schlaf und Tagesstruktur
- Umgang mit belastenden Gedanken
- Verbesserung der Krankheitsbewältigung
- Rückfallprophylaxe
10.3 Psychoedukation
Ein wichtiger Bestandteil kann die Psychoedukation sein.
Dabei lernen Betroffene, ihre Erkrankung besser zu verstehen und persönliche Warnzeichen zu erkennen.
Hilfreich kann beispielsweise ein Stimmungstagebuch sein, in dem Schlaf, Stimmung, Antrieb und besondere Ereignisse festgehalten werden.
11 Frühwarnzeichen erkennen
Viele Betroffene entwickeln mit der Zeit ein besseres Gefühl dafür, wann sich eine Stimmungsepisode ankündigt.
Mögliche Warnzeichen einer beginnenden Manie oder Hypomanie können sein:
- deutlich weniger Schlaf
- ungewöhnlich viel Energie
- ständig neue Ideen
- deutlich mehr Aktivitäten
- schnelleres Sprechen
- zunehmende Impulsivität
- ungewöhnlich hohe Ausgaben
- stärkeres Bedürfnis nach sozialen Kontakten
Mögliche Warnzeichen einer Depression können sein:
- zunehmender sozialer Rückzug
- weniger Interesse
- steigende Erschöpfung
- Schlafveränderungen
- negative Gedanken
- Verlust von Motivation
- zunehmende Hoffnungslosigkeit
Ein persönlicher Krisen- und Notfallplan kann helfen, frühzeitig gegenzusteuern.
12 Was können Angehörige beachten?
Eine manische Episode kann für Angehörige besonders schwierig sein. Diskussionen über offensichtlich unrealistische Entscheidungen führen nicht immer sofort zu einer Veränderung.
Hilfreicher kann es sein, ruhig zu bleiben, Grenzen zu setzen und bei deutlichen Veränderungen professionelle Hilfe einzubeziehen.
Wichtig ist auch:
Angehörige sind nicht dafür verantwortlich, eine bipolare Episode alleine zu kontrollieren.
Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung sollte unverzüglich professionelle Hilfe organisiert werden.
13 Ist eine bipolare Störung heilbar?
Die bipolare Störung gilt als langfristige beziehungsweise chronisch verlaufende Erkrankung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Betroffene dauerhaft unter starken Stimmungsepisoden leiden müssen.
Mit einer passenden Behandlung können viele Menschen längere stabile Phasen erreichen und ihren Alltag, ihre Beziehungen und ihre beruflichen beziehungsweise persönlichen Ziele gestalten.
Eine gute Behandlung setzt häufig auf mehrere Bausteine: medizinische Behandlung, Psychotherapie, Psychoedukation, einen möglichst stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus und das frühzeitige Erkennen persönlicher Warnzeichen.
14 Wichtig zu wissen
Eine bipolare Störung ist mehr als normale Stimmungsschwankungen.
Nicht jede Phase mit guter Laune, wenig Schlaf oder viel Energie ist eine Hypomanie oder Manie. Ebenso bedeutet nicht jede Depression automatisch eine bipolare Erkrankung.
Eine zuverlässige Diagnose kann nur durch eine entsprechende fachliche Abklärung erfolgen.
ZitatMerksatz: Bipolare Störung bedeutet nicht einfach „extreme Stimmungsschwankungen“. Entscheidend sind klar erkennbare Stimmungsepisoden mit Veränderungen von Stimmung, Antrieb, Aktivität, Schlaf und Denken.
Hinweis: Dieser Lexikonartikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung.