1 Die Angst des Verlassenwerdens
Die Angst des Verlassenwerdens ist eine tief sitzende Angst, die besonders bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung eine große Rolle spielen kann. Sie beschreibt die intensive Befürchtung, einen wichtigen Menschen zu verlieren, zurückgewiesen zu werden oder emotional nicht mehr wichtig zu sein. Diese Angst kann sich auch dann sehr stark anfühlen, wenn objektiv noch gar keine Trennung bevorsteht.
Für Betroffene können bereits kleine Veränderungen im Verhalten einer nahestehenden Person große Unsicherheit auslösen. Eine unbeantwortete Nachricht, ein anderer Tonfall, weniger Nähe oder der Wunsch des Partners nach etwas Abstand können als Zeichen dafür wahrgenommen werden, dass die Beziehung gefährdet ist. Aus einem zunächst kleinen Anlass kann dadurch eine starke emotionale Reaktion entstehen.
Die Angst kann sich in Gedanken wie „Er wird mich verlassen“, „Ich bin nicht wichtig genug“ oder „Bald bin ich allein“ äußern. Gleichzeitig können intensive Gefühle wie Panik, Trauer, Wut, Verzweiflung oder Leere entstehen. Manche Betroffene versuchen dann, besonders viel Nähe herzustellen. Sie schreiben häufig Nachrichten, suchen wiederholt nach Bestätigung oder möchten möglichst viel Zeit mit der anderen Person verbringen. Dieses Verhalten wird häufig als Klammern bezeichnet.
Andere Betroffene reagieren genau entgegengesetzt. Sie ziehen sich zurück, werden kühl oder beenden eine Beziehung vorsorglich selbst, um dem erwarteten Verlassenwerden zuvorzukommen. Dadurch entsteht manchmal ein schwieriger Kreislauf: Die Angst vor dem Verlust führt zu einem Verhalten, das wiederum Konflikte oder Distanz in der Beziehung verstärken kann.
Hinter der Angst des Verlassenwerdens steht häufig nicht einfach der Wunsch, ständig Aufmerksamkeit zu bekommen. Für die betroffene Person kann sich die drohende Distanz tatsächlich existenziell anfühlen. Die emotionale Reaktion kann wesentlich stärker sein als der konkrete Auslöser vermuten lässt. Es kann sich so anfühlen, als würde mit dem möglichen Verlust eines Menschen gleichzeitig ein wichtiger Teil von Sicherheit, Zugehörigkeit und Selbstwert verloren gehen.
Besonders schwierig kann es sein, zwischen einem tatsächlichen Beziehungsproblem und der eigenen Verlustangst zu unterscheiden. In emotional aufgewühlten Situationen können Gedanken sehr überzeugend wirken, obwohl sie nicht unbedingt der Realität entsprechen. Eine hilfreiche Fähigkeit besteht deshalb darin, zwischen Gefühl und Tatsache zu unterscheiden: „Ich habe Angst, dass er mich verlässt“ bedeutet nicht automatisch „Er wird mich verlassen“.
Mit der Zeit können Betroffene lernen, solche Ängste besser zu regulieren. Dabei können beispielsweise Achtsamkeit, emotionale Selbstberuhigung, das Aushalten von Unsicherheit und eine therapeutische Unterstützung hilfreich sein. Besonders die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) vermittelt Strategien, um intensive Gefühle auszuhalten, ohne unmittelbar impulsiv handeln zu müssen.
Die Angst des Verlassenwerdens ist keine bewusste Entscheidung und auch kein Zeichen von Schwäche. Sie kann eine sehr schmerzhafte emotionale Erfahrung sein. Gleichzeitig bedeutet das Erleben dieser Angst nicht, dass Beziehungen zwangsläufig scheitern müssen. Mit zunehmender emotionaler Stabilität kann es möglich werden, Nähe und Distanz besser auszuhalten und Beziehungen weniger von der Angst vor Verlust bestimmen zu lassen.