1 Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)
Die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) ist ein psychotherapeutischer Ansatz, der sich damit beschäftigt, wie Menschen ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Wünsche und Absichten sowie die inneren Zustände anderer Menschen verstehen können. Diese Fähigkeit wird als Mentalisieren bezeichnet.
Mentalisieren bedeutet vereinfacht gesagt, sich bewusst zu machen: „Was geht gerade in mir vor – und was könnte in der anderen Person vorgehen?“ Dabei geht es nicht darum, die Gedanken anderer Menschen tatsächlich lesen zu können. Vielmehr geht es darum, verschiedene mögliche Erklärungen für Verhalten zu entwickeln und gleichzeitig anzuerkennen, dass man sich irren kann.
2 Wenn Mentalisieren schwierig wird
Unter starker emotionaler Belastung kann die Fähigkeit zum Mentalisieren vorübergehend eingeschränkt sein. Gefühle können dann sehr überwältigend werden. Eine neutrale Handlung des Gegenübers kann beispielsweise schnell als Ablehnung, Kritik oder Verlassenwerden interpretiert werden.
Besonders in engen Beziehungen kann dadurch ein Kreislauf entstehen:
Gefühl → Interpretation → starke Reaktion → Konflikt → noch stärkere Gefühle.
MBT versucht, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Dabei wird gemeinsam untersucht, was in einer bestimmten Situation innerlich passiert ist.
3 Ein Beispiel
Eine Person schreibt ihrem Partner eine Nachricht und bekommt mehrere Stunden keine Antwort. Die erste Interpretation könnte sein:
„Er ignoriert mich. Ich bin ihm nicht wichtig.“
In der MBT könnte stattdessen gefragt werden:
„Was hast du in diesem Moment gefühlt?“
„Was hast du gedacht, warum er nicht antwortet?“
„Welche anderen Erklärungen wären möglich?“
„Was könnte gerade in ihm vorgehen?“
Dadurch entsteht mehr Abstand zwischen dem tatsächlichen Ereignis und der eigenen Interpretation.
4 MBT und Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die MBT wurde insbesondere für die Behandlung von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt. Bei dieser Erkrankung können zwischenmenschliche Situationen, Gefühle und das eigene Selbstbild sehr wechselhaft und intensiv erlebt werden.
MBT konzentriert sich dabei nicht ausschließlich auf Symptome. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf Beziehungen und darauf, die Fähigkeit zu stärken, sich selbst und andere differenzierter zu verstehen.
5 Ziele der MBT
Zu den wichtigen Zielen gehören:
- Gefühle und innere Zustände besser wahrzunehmen
- zwischen Gefühlen, Gedanken und Tatsachen unterscheiden zu können
- vorschnelle Interpretationen zu hinterfragen
- andere Menschen weniger schnell zu „lesen“ oder festzulegen
- mit starken Emotionen besser umgehen zu können
- Beziehungskonflikte besser zu verstehen
- ein stabileres Bild von sich selbst und anderen zu entwickeln
- Unsicherheit und unterschiedliche Perspektiven besser auszuhalten
Ein zentraler Gedanke lautet dabei: „Ich weiß nicht sicher, was in mir oder in einem anderen Menschen vorgeht – aber ich kann versuchen, es gemeinsam zu verstehen.“
MBT ist damit weniger eine Methode, bei der man sofort die „richtige“ Erklärung für ein Verhalten finden muss. Vielmehr geht es um eine neugierige und möglichst offene Haltung gegenüber den eigenen inneren Vorgängen und denen anderer Menschen.