1 Scham
Scham ist ein starkes, unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn man sich selbst als falsch, unzulänglich, peinlich oder nicht akzeptabel erlebt. Während Schuld eher mit dem Gedanken „Ich habe etwas Falsches getan“ verbunden ist, richtet sich Scham häufig gegen die eigene Person: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
1.1 Typische Merkmale von Scham
- starkes Gefühl von Unzulänglichkeit
- Angst, von anderen negativ bewertet zu werden
- Gefühl, nicht gut genug zu sein
- Wunsch, sich zu verstecken oder zurückzuziehen
- Erröten oder körperliche Anspannung
- Blickkontakt vermeiden
- Schwierigkeiten, über bestimmte Erlebnisse zu sprechen
- starkes Grübeln über vermeintliche Fehler
- Selbstkritik und Selbstabwertung
- Angst vor Ablehnung oder Ausgrenzung
- Gefühl, „anders“ oder „falsch“ zu sein
- Schwierigkeiten, Hilfe oder Nähe anzunehmen
1.2 Scham und soziale Situationen
Scham kann besonders stark werden, wenn man glaubt, andere könnten einen ablehnen, auslachen oder verurteilen. Dadurch kann ein Kreislauf entstehen:
Scham → Rückzug → Einsamkeit → mehr Selbstzweifel → noch mehr Scham
Manche Menschen versuchen deshalb, möglichst wenig von sich zu zeigen oder vermeiden Situationen, in denen sie sich verletzlich fühlen könnten.
1.3 Scham nach belastenden Erfahrungen
Nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen kann Scham besonders tief sitzen. Betroffene können sich für Dinge verantwortlich fühlen, für die sie tatsächlich keine oder nur sehr begrenzte Verantwortung tragen. Gedanken wie „Ich hätte es verhindern müssen“ oder „Ich hätte mich anders verhalten müssen“ können dabei eine große Rolle spielen.
1.4 Unterschied zwischen Scham und Schuld
Schuld:
„Ich habe etwas getan, das nicht richtig war.“
Scham:
„Ich bin nicht richtig.“
Schuld kann manchmal durch eine Entschuldigung oder Wiedergutmachung bearbeitet werden. Bei Scham geht es häufig stärker darum, das eigene Selbstbild zu verändern und sich selbst mit mehr Verständnis und Mitgefühl zu begegnen.
1.5 Umgang mit Scham
Hilfreich kann sein:
- das Gefühl zunächst wahrzunehmen, ohne sich dafür zu verurteilen
- zwischen Verhalten und Persönlichkeit zu unterscheiden
- sich zu fragen, ob die eigene Selbstbewertung wirklich angemessen ist
- mit einer vertrauenswürdigen Person darüber zu sprechen
- sich selbst mit derselben Freundlichkeit zu behandeln, die man einem anderen Menschen entgegenbringen würde
- sich bewusst zu machen: „Ich darf Fehler machen, ohne deshalb ein schlechter Mensch zu sein.“
Scham kann sich sehr isolierend anfühlen. Gerade deshalb kann es hilfreich sein, sie vorsichtig in Worte zu fassen, anstatt sie vollständig mit sich allein auszumachen.