1 Dissoziation
Dissoziation bezeichnet einen psychischen Zustand, in dem bestimmte Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen vorübergehend vom normalen Bewusstsein abgetrennt werden. Sie ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, der häufig in belastenden oder überwältigenden Situationen auftritt. Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) erleben Dissoziationen besonders häufig, vor allem in Momenten starker emotionaler Anspannung.
2 Formen der Dissoziation
2.1 1. Depersonalisation
Die Wahrnehmung, vom eigenen Körper oder den eigenen Gefühlen losgelöst zu sein.
Beispiele:
- „Ich fühle mich wie ferngesteuert.“
- „Ich nehme mich selbst nicht richtig wahr.“
2.2 2. Derealisation
Die Umwelt wirkt verändert, unwirklich oder wie in einem Traum.
Beispiele:
- „Alles fühlt sich wie hinter einer Glasscheibe an.“
- „Die Umgebung wirkt plötzlich fremd.“
2.3 3. Identitäts- oder Gedächtnislücken
Kurzzeitige Erinnerungslücken oder Schwierigkeiten, Zusammenhänge zu speichern.
Beispiele:
- „Ich weiß nicht mehr, was ich die letzten Minuten gesagt habe.“
- „Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierher gekommen bin.“
2.4 4. Dissoziative Betäubung
Emotionale oder körperliche Taubheit; Gefühle werden abgeschaltet, um Überforderung zu vermeiden.
3 Warum tritt Dissoziation auf?
Dissoziation entsteht meist als Stressreaktion. Typische Auslöser sind:
- starke emotionale Belastung
- Trigger, die an frühere traumatische Erfahrungen erinnern
- Konflikte oder zwischenmenschliche Spannungen
- Gefühle von Hilflosigkeit, Angst oder Überforderung
Für viele Betroffene war Dissoziation früher eine funktionale Überlebensstrategie, um in akuten Stresssituationen weiter funktionieren zu können.
4 Dissoziation bei Borderline
Bei Personen mit Borderline kann Dissoziation Teil der typischen Symptomatik sein. Häufig tritt sie auf bei:
- emotionaler Instabilität
- Angst vor Verlust oder Ablehnung
- intensiven zwischenmenschlichen Konflikten
Sie kann kurz dauern (Sekunden bis Minuten) oder länger anhalten. Für Außenstehende ist Dissoziation oft schwer erkennbar, was zu Missverständnissen führen kann.
5 Anzeichen einer Dissoziation
- „Leerer Blick“ oder plötzliches Starren
- verlangsamte Reaktionen
- monotone Stimme oder Sprachlosigkeit
- Schwierigkeiten, Informationen aufzunehmen
- Gefühl „nicht richtig da“ zu sein
- körperliche Taubheit oder veränderte Wahrnehmung
- unkoordinierte Bewegungen oder Unruhe
6 Umgang und Erste Hilfe bei Dissoziation
6.1 1. Grounding-Techniken (zurück ins Hier und Jetzt)
- bewusst atmen (4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus)
- kalte Reize (Wasser, Cooler-Packs, Igelball)
- Körperwahrnehmung: Füße auf dem Boden spüren
- Objekte beschreiben: Farbe, Form, Gewicht
- 5-4-3-2-1-Methode (Sinne aktivieren)
6.2 2. Selbstberuhigende Strategien
- ruhiger, sicherer Ort
- körperliche Bewegung
- bewusstes Benennen der Situation („Ich bin hier, ich bin sicher.“)
6.3 3. Vorbeugung
- regelmäßiges Skills-Training
- frühzeitiges Erkennen von Triggern
- Stabilitätsübungen (Achtsamkeit, Struktur im Alltag)
7 Wann sollte professionelle Hilfe gesucht werden?
Dissoziation ist nicht gefährlich, aber belastend. Professionelle Unterstützung ist wichtig, wenn:
- die Episoden häufig auftreten
- der Alltag beeinträchtigt wird
- starke Erinnerungslücken vorhanden sind
- Selbstverletzungsgefahr besteht
- traumatische Erlebnisse dahinterstehen
Therapien wie DBT, Traumatherapie oder EMDR können helfen, den Umgang mit Dissoziation nachhaltig zu verbessern.