1 Elternschaft und psychische Erkrankung
Elternschaft und psychische Erkrankungen können miteinander vereinbar sein. Eine psychische Erkrankung bedeutet nicht automatisch, dass jemand keine gute Mutter oder kein guter Vater sein kann. Entscheidend sind unter anderem die Stabilität, die vorhandenen Ressourcen, die Unterstützung und der Umgang mit der Erkrankung.
Elternschaft kann gleichzeitig sehr bereichernd und herausfordernd sein. Besonders in Phasen psychischer Belastung können die Anforderungen des Familienalltags jedoch zusätzlich Druck erzeugen.
1.1 Mögliche Herausforderungen
Eine psychische Erkrankung kann sich beispielsweise auf folgende Bereiche auswirken:
- Energie und Antrieb
- Geduld und Belastbarkeit
- Konzentration
- emotionale Regulation
- Schlaf
- Tagesstruktur
- Selbstfürsorge
- Umgang mit Konflikten
- Verfügbarkeit für das Kind
- Organisation des Familienalltags
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Elternrolle nicht bewältigt werden kann. Häufig ist entscheidend, rechtzeitig Unterstützung zu organisieren.
1.2 Die Erkrankung erklären
Kinder können wahrnehmen, wenn es einem Elternteil nicht gut geht. Eine altersgerechte und ehrliche Erklärung kann deshalb hilfreich sein.
Bei einem jüngeren Kind könnte man beispielsweise sagen:
Zitat„Mama ist gerade sehr erschöpft und braucht deshalb mehr Ruhe. Das hat nichts mit dir zu tun.“
Ältere Kinder können je nach Alter mehr Informationen über psychische Erkrankungen erhalten.
Wichtig ist dabei, dem Kind deutlich zu vermitteln:
„Du bist nicht schuld.“
und:
„Du musst nicht dafür sorgen, dass es mir wieder gut geht.“
1.3 Kinder nicht zu Verantwortungsträgern machen
Kinder können emotional unterstützen, sollten aber nicht die Rolle eines Therapeuten, Partners oder Pflegeersatzes übernehmen.
Das bedeutet beispielsweise:
- Probleme Erwachsener nicht beim Kind abladen
- das Kind nicht zum Vermittler bei Konflikten machen
- keine Verantwortung für die psychische Stabilität des Elternteils übertragen
- dem Kind altersgerechte Freiräume lassen
1.4 Unterstützung annehmen
Unterstützung ist keine Schwäche. Sie kann eine wichtige Ressource sein.
Mögliche Unterstützung kann kommen durch:
- Partner oder Partnerin
- Familie und Freunde
- therapeutische oder ärztliche Behandlung
- Beratungsstellen
- ambulante Hilfen
- Kinder- und Jugendhilfe
- Selbsthilfeangebote
- Entlastungsangebote für Familien
Ein Unterstützungsnetzwerk kann besonders wichtig sein, wenn sich eine Krise ankündigt.
1.5 Krisenplanung als Elternteil
Ein persönlicher Krisenplan kann zusätzlich berücksichtigen:
Wenn es mir schlechter geht:
- Frühwarnzeichen erkennen.
- Eigene Belastung reduzieren.
- Unterstützung kontaktieren.
- Betreuung des Kindes gegebenenfalls organisieren.
- Behandlung und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
- Bei akuter Gefährdung sofort Hilfe holen.
Es kann beruhigend sein, bereits vor einer Krise zu wissen, wer im Notfall unterstützen kann.
1.6 Selbstfürsorge und Elternschaft
Eltern haben häufig das Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es jedoch wichtig, die eigenen Grenzen wahrzunehmen.
Selbstfürsorge bedeutet nicht, das Kind zu vernachlässigen. Sie kann vielmehr dazu beitragen, langfristig belastbarer und emotional verfügbarer zu bleiben.
Dazu können gehören:
- ausreichend Schlaf und Erholung
- regelmäßiges Essen
- Pausen
- Therapie und Behandlung
- soziale Kontakte
- Bewegung
- Zeit für sich selbst
- Hilfe annehmen
1.7 Perfekte Eltern gibt es nicht
Auch psychisch gesunde Eltern sind manchmal überfordert, gereizt oder erschöpft. Entscheidend ist nicht, niemals Fehler zu machen, sondern mit Fehlern umzugehen.
Nach einem Konflikt kann beispielsweise eine Reparatur stattfinden:
Zitat„Ich war gerade sehr überfordert und habe laut gesprochen. Das war nicht richtig. Es tut mir leid.“
Solche Situationen können einem Kind auch vermitteln, dass Fehler, Entschuldigung und Wiedergutmachung zum menschlichen Miteinander gehören.
1.8 Besonders wichtig: Sicherheit
Wenn eine psychische Krise so stark wird, dass die eigene Sicherheit oder die Sicherheit des Kindes nicht mehr zuverlässig gewährleistet werden kann, sollte unmittelbar Unterstützung organisiert werden. Bei akuter Gefahr in Deutschland ist 112 die richtige Anlaufstelle.
1.9 Elternschaft und Recovery
Elternschaft kann Teil des persönlichen Recovery-Prozesses sein. Dabei geht es nicht darum, trotz Erkrankung perfekt zu funktionieren, sondern darum, Schritt für Schritt einen Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln, der Sicherheit, Stabilität und Beziehung ermöglicht.
Merksatz:
ZitatEine psychische Erkrankung macht einen Menschen nicht automatisch zu einem schlechten Elternteil. Gute Elternschaft bedeutet nicht Perfektion, sondern Verantwortung, Verlässlichkeit, Bereitschaft zur Unterstützung und die Fähigkeit, nach schwierigen Situationen wieder Verbindung herzustellen.