1 Reziproke Hemmung
Reziproke Hemmung ist ein psychologisches Prinzip, das vor allem aus der Verhaltenstherapie stammt. Es beschreibt die Vorstellung, dass zwei miteinander unvereinbare Reaktionen nicht gleichzeitig in voller Stärke auftreten können.
Vereinfacht gesagt:
ZitatEine starke Angstreaktion kann durch eine gleichzeitig aufgebaute, mit Angst unvereinbare Reaktion abgeschwächt werden.
1.1 Beispiel
Eine Person hat Angst vor einer bestimmten Situation. Während sie sich dieser Situation aussetzt, wird gleichzeitig eine Entspannungsreaktion aufgebaut.
Zum Beispiel:
Angstauslösender Reiz → Angst → gleichzeitig bewusste Entspannung → Angstreaktion nimmt ab
Dieses Prinzip wurde besonders mit dem Verfahren der systematischen Desensibilisierung verbunden.
1.2 Systematische Desensibilisierung
Bei der systematischen Desensibilisierung wird häufig eine Angsthierarchie erstellt. Die Person beginnt mit einer vergleichsweise wenig angstauslösenden Situation und arbeitet sich schrittweise zu schwierigeren Situationen vor.
Dabei können Entspannungstechniken eingesetzt werden.
Beispiel bei sozialer Angst:
- An eine soziale Situation denken
- Eine kurze Unterhaltung mit einer vertrauten Person
- Eine unbekannte Person ansprechen
- Mit mehreren Menschen sprechen
- Vor einer Gruppe sprechen
Währenddessen wird beispielsweise auf ruhige Atmung und körperliche Entspannung geachtet.
1.3 Reziproke Hemmung und Gegenkonditionierung
Das Prinzip steht eng mit der Gegenkonditionierung in Verbindung. Eine bisher mit Angst verbundene Situation wird mit einer anderen Reaktion gekoppelt, beispielsweise mit Entspannung.
Dadurch kann sich die bisherige Angstreaktion verändern.
1.4 Heutige Bedeutung
Das klassische Konzept der reziproken Hemmung ist historisch sehr wichtig. Moderne Expositionsverfahren erklären die Wirkung von Konfrontation jedoch nicht ausschließlich mit diesem Prinzip. Heute wird beispielsweise auch das neue Lernen und die Veränderung von Angst-Erwartungen berücksichtigt.
Kurz gesagt:
ZitatReziproke Hemmung bezeichnet das Prinzip, dass eine Angstreaktion durch eine gleichzeitig aufgebaute, miteinander unvereinbare Reaktion – klassischerweise Entspannung – abgeschwächt werden kann. Es bildet eine wichtige Grundlage der systematischen Desensibilisierung.