Borderline und selbstverletzendes Verhalten: Ursachen, Funktionen und Wege heraus
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Shalin -
21. Oktober 2023 um 09:18 -
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Wenn innere Anspannung unerträglich wird, greifen viele Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zu selbstverletzendem Verhalten, weil es im Moment das Einzige zu sein scheint, das wirkt. Dieser Artikel erklärt, warum Selbstverletzungsdruck entsteht, was im Körper und im Kopf dabei passiert – und welche Wege es gibt, langfristig aus diesem Kreislauf herauszufinden.
- Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist bei Borderline meist nicht suizidal gemeint, sondern eine – dysfunktionale – Strategie zur Emotionsregulation.
- Häufigste Funktionen: Spannungsabbau, Unterbrechung von Dissoziation, Selbstbestrafung, Kontrollerleben.
- Wirksame Behandlung: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT).
- Auch ohne akute Suizidalität gilt: ernst nehmen, nicht bagatellisieren, nicht dramatisieren.
📋 Inhaltsverzeichnis ▼
Was ist selbstverletzendes Verhalten bei Borderline?
Fachlich spricht man von nichtsuizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV), wenn eine Person absichtlich ihren eigenen Körper verletzt, ohne dabei sterben zu wollen.[1] Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung gehört dieses Verhalten zu den häufigsten und für Außenstehende am schwersten nachvollziehbaren Symptomen. Es ist kein Zeichen von Schwäche und keine "Attention-Seeking"-Masche, sondern der – hoch problematische – Versuch, mit einem Ausmaß an innerer Anspannung fertigzuwerden, das sich anders im Moment nicht bewältigen lässt.
Häufige Formen der Selbstverletzung
Am bekanntesten ist das Schneiden oder Ritzen der Haut, meist an Armen oder Beinen. Daneben gibt es Verbrennungen, das Schlagen gegen harte Gegenstände, das Kratzen bis zur Verletzung oder das bewusste Verhindern von Wundheilung. Manche Betroffene erleben zusätzlich Skin Picking als verwandte Form der Anspannungsregulation. Die Wahl der Methode sagt wenig über den Schweregrad der zugrundeliegenden Not aus – ein kleiner Kratzer kann genauso viel innere Erleichterung bringen wie eine tiefe Schnittwunde.
Selbstverletzung ist kein Suizidversuch – aber ernst zu nehmen
Die Abgrenzung zur Suizidalität ist wichtig, aber nicht immer eindeutig. Viele Betroffene beschreiben Selbstverletzung sogar als eine Art "Anti-Suizid-Funktion" – ein kontrollierter Weg, mit unerträglichen Gefühlen umzugehen, ohne das eigene Leben zu beenden. Trotzdem steigt bei wiederholtem SVV statistisch das Risiko für spätere Suizidversuche, weshalb das Thema nie verharmlost werden sollte.[2] Wenn du selbst konkrete Suizidgedanken hast, findest du in unserem Artikel zu Suizidgedanken – Erste Hilfe und Unterstützung finden konkrete nächste Schritte.
Warum verletzen sich Menschen mit Borderline selbst?
Die Ursachen sind nie monokausal. Häufig liegen eine früh gestörte Emotionsregulation, belastende Kindheitserfahrungen und ein Umfeld zugrunde, das Gefühle nicht angemessen gespiegelt oder validiert hat.[3] Auf dieser Grundlage entwickelt sich Selbstverletzung als – letztlich fehlgeleitete – Bewältigungsstrategie, die im Moment tatsächlich funktioniert, langfristig aber neues Leid erzeugt.
Spannungsabbau und Emotionsregulation
Die häufigste Funktion ist der schnelle Abbau von unerträglicher innerer Spannung, Wut, Scham oder Angst.[4] Der körperliche Schmerz durch die Verletzung führt zur Ausschüttung körpereigener Botenstoffe, die kurzfristig für ein Gefühl von Erleichterung und Ruhe sorgen. Genau diese sofortige Wirkung macht das Verhalten so schwer aufzugeben – dein Gehirn lernt: Das hilft.
Anti-Dissoziation – wenn der Körper das Ich zurückholt
Manche Betroffene verletzen sich, um aus einem Zustand der Dissoziation herauszukommen – jenem Gefühl, sich selbst oder die Realität als fremd, taub oder unwirklich zu erleben. Der körperliche Reiz "erdet" in solchen Momenten und stellt kurzfristig das Gefühl wieder her, überhaupt im eigenen Körper zu sein.
Selbstbestrafung und frühe Prägungen
Ein weiterer häufiger Auslöser ist ein tief verankertes Gefühl, "falsch" oder "schlecht" zu sein. Selbstverletzung wird dann unbewusst als eine Art Wiedergutmachung eingesetzt – für einen vermeintlichen Fehler, für ein "zu viel" an Gefühlen oder Bedürfnissen. Diese Muster reichen häufig bis in die Kindheit zurück, etwa wenn Emotionen dort abgewertet oder ignoriert wurden.[4]
Der Kreislauf aus Anspannung, Erleichterung und Scham
Typisch ist ein wiederkehrendes Muster: Eine Anspannung baut sich auf, oft ausgelöst durch einen als kränkend oder überfordernd erlebten Trigger. Die Selbstverletzung bringt kurzfristige Erleichterung. Danach folgen häufig Scham, Selbstverachtung und die Angst, dass andere die Wunden entdecken könnten – Gefühle, die wiederum neue Anspannung erzeugen. So schließt sich der Kreis, oft innerhalb weniger Stunden.
Warum kurzfristige Erleichterung langfristig mehr Leid schafft
Weil Selbstverletzung so zuverlässig und schnell wirkt, verhindert sie gleichzeitig, dass du lernst, Anspannung auf andere Weise auszuhalten oder zu regulieren. Das Verhalten verstärkt sich dadurch selbst – ähnlich wie bei anderen Formen von Impulsivität bei Borderline. Das ist kein Versagen deinerseits, sondern ein erlerntes, veränderbares Muster.
Was hilft wirklich – Skills, Therapie und Alternativen
Es gibt keinen Skill, der Selbstverletzung von heute auf morgen ersetzt – aber es gibt wirksame Wege, den Druck in einzelnen Momenten zu überstehen und langfristig seltener in die Krise zu geraten.
Strategien für den Moment der Anspannung
- Den Ort wechseln oder den Raum verlassen, in dem der Drang entsteht
- Intensive Bewegung – schnelles Gehen, Treppensteigen, Sport – um körperliche Anspannung abzubauen
- Eine vertraute Person anrufen oder schreiben, auch wenn es sich schwer anfühlt, um Kontakt zu bitten
- Gefühle in einem Tagebuch oder auf einem Zettel aufschreiben, um sie aus dem Kopf herauszubekommen
- Die 15-Minuten-Regel: den Drang bewusst hinauszögern und danach neu entscheiden
- Einen bereits vorbereiteten Skills-Plan nutzen, statt im Moment der Krise neu entscheiden zu müssen
Was im Einzelfall wirkt, ist individuell sehr unterschiedlich. Ausführlichere, alltagstaugliche Strategien findest du in unserem Artikel Was hilft gegen Selbstverletzungsdruck.
Professionelle Behandlungsansätze
Wenn schwerwiegendes selbstverletzendes oder suizidales Verhalten im Vordergrund steht, empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie zur Borderline-Persönlichkeitsstörung vorrangig die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT).[5] Eine alleinige medikamentöse Behandlung wird ausdrücklich nicht empfohlen; Medikamente können unterstützend, aber nicht als primäre Therapie eingesetzt werden.[5]
Umgang für Angehörige
Für Angehörige ist es oft am hilfreichsten, weder Vorwürfe noch übermäßige Dramatisierung zu zeigen, sondern ruhig, wertfrei und präsent zu bleiben. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, Bezugspersonen in Krisenpläne einzubeziehen, sofern die betroffene Person zustimmt, sowie Angehörige über Hilfsangebote und Psychoedukation zu informieren.[5]
Wege aus der Scham – professionelle Hilfe suchen und annehmen
Viele Betroffene schweigen jahrelang über ihre Selbstverletzung, aus Angst vor Verurteilung oder davor, in eine Schublade gesteckt zu werden. Genau dieses Schweigen hält den Kreislauf oft am Leben. Der erste Schritt – ob gegenüber einer Therapeutin, einem Arzt oder in einem geschützten Forum – ist oft der schwerste, aber gleichzeitig der wirksamste. Niemand muss "erst schlimm genug" betroffen sein, um sich Hilfe zu suchen.
Häufige Fragen aus der Community
"Ich will damit aufhören, aber ich schaffe es nicht – bin ich einfach zu schwach?"
Nein. Selbstverletzung ist ein tief verankertes Muster, kein Charakterfehler. Rückfälle gehören für viele zum Prozess dazu und bedeuten nicht, dass du versagt hast – sie sind ein Hinweis, dass du noch mehr Unterstützung oder andere Strategien brauchst.
"Meine Familie darf die Narben nicht sehen – wie gehe ich damit um?"
Das ist ein sehr verbreitetes Gefühl. Es kann helfen, dir vorher zu überlegen, wie viel du preisgeben möchtest, und dass du niemandem etwas erklären musst, wozu du noch nicht bereit bist. Gleichzeitig kann ein vertrauter Mensch, dem du dich öffnest, enorm entlasten.
"Ist es schlimm, wenn mir Selbstverletzung im Moment wirklich hilft?"
Es ist nachvollziehbar, dass es sich so anfühlt – genau deshalb ist es so schwer, davon loszukommen. Wichtig ist zu verstehen, dass die Erleichterung nur kurzfristig ist und langfristig neues Leid erzeugt. Das macht dich nicht falsch, sondern zeigt, wie sehr du gerade auf Unterstützung angewiesen bist.
Quellen
- Wikipedia-Übersichtsartikel mit Verweis auf Plener et al., Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter, Deutsches Ärzteblatt 2018 – de.wikipedia.org/wiki/Selbstverletzendes_Verhalten
- Deutsches Ärzteblatt: Selbstverletzendes Verhalten – Ruf nach Hilfe und Unterstützung – aerzteblatt.de
- S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF-Registernummer 038-015, DGPPN 2022 – register.awmf.org
- Oberberg Kliniken: Autoaggressionen erkennen – Funktionen selbstverletzenden Verhaltens – oberbergkliniken.de
- DGPPN e.V. für die Leitliniengruppe, S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, Version 1.0 (14.11.2022), Behandlungsempfehlungen zu DBT/MBT bei selbstverletzendem und suizidalem Verhalten – register.awmf.org
Fazit: Selbstverletzendes Verhalten bei Borderline ist eine – wenn auch schädliche – Bewältigungsstrategie für unerträgliche Anspannung, keine Charakterschwäche. Mit den richtigen Skills, professioneller Unterstützung und einem Umfeld, das nicht wertet, lässt sich der Kreislauf durchbrechen.
Wie ist das bei dir – welche Strategien haben dir schon geholfen, einen akuten Drang zu überstehen, und was hat bei dir gar nicht funktioniert?
Über den Autor
Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.
Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!
Ich habe das Forum im Jahr 2021 gegründet, um Menschen mit Borderline sowie ihren Angehörigen einen geschützten Ort für Austausch, gegenseitige Unterstützung und Vernetzung zu bieten. Mein Ziel ist es, ihnen dabei zu helfen, besser mit der Erkrankung umzugehen und sich auf ihrem persönlichen Weg begleitet zu fühlen.
Schreibt mich gerne an. ![]()