Marsha Linehan: Die Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT)
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Shalin -
15. Juli 2024 um 07:30 -
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Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) gilt heute als Goldstandard in der Behandlung von Borderline. Was viele nicht wissen: Ihre Entwicklerin, Marsha M. Linehan, war selbst über Jahre schwer psychisch krank – und hat erst 2011 öffentlich gemacht, dass sie die Methode entwickelte, die ihr selbst gefehlt hatte. Ihre Geschichte ist mehr als eine Randnotiz: Sie erklärt, warum DBT so anders ist als klassische Therapieansätze.
📌 Kurz zusammengefasst
- Linehan wurde mit 17 selbst psychiatrisch behandelt, unter anderem mit einer (falschen) Schizophrenie-Diagnose.
- Erst 2011 sprach sie öffentlich über ihre eigene Borderline-Geschichte – nach Jahrzehnten als anerkannte Forscherin.
- DBT entstand aus der Erkenntnis, dass klassische Verhaltenstherapie allein nicht ausreicht – es brauchte zusätzlich Akzeptanz und Validierung.
Inhaltsverzeichnis
Jugend und eigene psychiatrische Erfahrung
Marsha M. Linehan wurde am 5. Mai 1943 in Tulsa, Oklahoma, als drittes von sechs Kindern eines Ölarbeiters geboren[1]. Sie galt als begabte Schülerin und spielte gut Klavier. Mit 17 Jahren verletzte sie sich selbst so schwer, dass sie 1961 in das Institute of Living, eine psychiatrische Klinik in Hartford (Connecticut), eingewiesen wurde[1].
Dort erhielt sie die – aus heutiger Sicht falsche – Diagnose Schizophrenie und wurde 26 Monate lang mit Psychopharmaka, Psychoanalyse und Elektrokonvulsionstherapie behandelt[1]. Die Elektrotherapie kostete sie Teile ihres Erinnerungsvermögens und sogar die Fähigkeit, Klavier zu spielen[2]. Als sie die Klinik verließ, war das kein Zeichen von Heilung – die Ärzte hatten schlicht keine weiteren Behandlungsoptionen mehr und prognostizierten, dass sie außerhalb der Klinik nicht überleben werde[2].
Der Weg zurück ins Leben – und ins Studium
Nach ihrer Entlassung kämpfte sich Linehan schrittweise zurück ins Leben. Sie holte verpasste Schulabschlüsse nach und begann ein Psychologiestudium – zunächst in Teilzeit, später in Vollzeit[3]. An der Loyola University Chicago schloss sie 1968 mit einem Bachelor ab, 1970 folgte der Master, 1971 die Promotion in Psychologie[3].
Anschließend arbeitete sie zunächst mit suizidalen Patient:innen in einer Klinik in Buffalo und absolvierte ab 1972 eine Ausbildung in Verhaltenstherapie an der Stony Brook University bei Gerald C. Davison[1]. 1977 erhielt sie eine Professur an der University of Washington in Seattle – dort entwickelte und erforschte sie über Jahrzehnte hinweg die Methode, die heute als DBT bekannt ist[3].
Wie die DBT entstand
Linehans Forschungsschwerpunkt war von Anfang an die Behandlung chronisch suizidaler Patient:innen. Sie stellte fest, dass klassische kognitive Verhaltenstherapie bei dieser Gruppe oft scheiterte: Die Patient:innen erlebten den ständigen Fokus auf Veränderung als weitere Form der Ablehnung – als würde ihnen gesagt, so wie sie sind, sei falsch. Linehan entwickelte daher einen Ansatz, der Veränderung mit radikaler Akzeptanz verbindet: die DBT[4].
Ein wichtiger Baustein dabei stammt aus ihrer eigenen spirituellen Praxis: Vom Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger ließ sich Linehan in Zen-Buddhismus einführen und wurde später selbst Zen-Lehrerin[5]. Das Prinzip der wertungsfreien Akzeptanz aus dem Zen bildet bis heute die dritte tragende Säule der DBT, neben Verhaltenstherapie und Dialektik.
Die vier Module der DBT im Überblick
Die DBT kombiniert Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie mit Achtsamkeit und Akzeptanz. Grundidee ist, dass Veränderung und Akzeptanz keine Gegensätze, sondern zwei notwendige Seiten derselben Medaille sind. Praktisch gliedert sich die Therapie in vier Module:
- Achtsamkeit: Techniken, um bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein, statt in Grübeln oder Vermeidung zu verfallen.
- Stresstoleranz: Strategien, um akute Krisen zu überstehen, ohne zu impulsivem oder selbstschädigendem Verhalten zu greifen.
- Emotionsregulation: Methoden, um Gefühle zu erkennen, einzuordnen und gezielt zu beeinflussen.
- Zwischenmenschliche Fertigkeiten: Kommunikationsstrategien, um Beziehungen zu gestalten, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
2011: Linehan macht ihre eigene Geschichte öffentlich
Über Jahrzehnte hinweg war Linehans eigene psychiatrische Vorgeschichte nicht öffentlich bekannt. Erst 2011, im Alter von 68 Jahren, berichtete sie in einem Interview der New York Times offen von ihrer eigenen Borderline-Geschichte[1]. Sie erklärte, dass sie sich bewusst dazu entschieden hatte, dies öffentlich zu machen – auch um dem Stigma entgegenzutreten, das psychische Erkrankungen bis heute begleitet, und um anderen Betroffenen zu zeigen, dass ein erfülltes Leben trotz schwerer Diagnose möglich ist.
2020 vertiefte sie diese Offenheit in ihren Memoiren "Building a Life Worth Living". Darin beschreibt sie ausführlich die Jahre in der Klinik, ihre spirituelle Entwicklung und den langen Weg zur eigenen Akzeptanz – Themen, die bis heute den Kern der von ihr entwickelten Therapie bilden.
Wirkung und Vermächtnis
Seit ihrer Einführung in den 1980er-Jahren hat sich die DBT weltweit verbreitet und wird längst nicht mehr nur bei Borderline eingesetzt, sondern auch bei Depressionen, Essstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen. In kontrollierten Studien mit rund 100 chronisch suizidalen Patient:innen mit BPS zeigte die DBT im Vergleich zu Standardbehandlungen deutlich weniger Suizidversuche und weniger Klinikaufenthalte[2].
Linehan erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Career Achievement Award der American Psychological Association[6]. Sie ist heute emeritierte Professorin der University of Washington und gilt weiterhin als eine der einflussreichsten Stimmen in der Erforschung und Behandlung von Borderline.
Häufige Fragen
Hatte Marsha Linehan wirklich selbst Borderline?
Sie wurde in ihrer Jugend zunächst mit Schizophrenie fehldiagnostiziert. Ihre eigene Einschätzung im Rückblick war, dass ihre Symptome eher dem entsprachen, was heute als Borderline-Persönlichkeitsstörung verstanden wird – diese offene Einordnung machte sie 2011 öffentlich.
Warum hat sie ihre Geschichte erst so spät erzählt?
Über weite Strecken ihrer Karriere hätte eine solche Offenlegung ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit in einem damals noch stärker stigmatisierenden Umfeld gefährden können. Erst als etablierte Forscherin entschied sie sich bewusst dafür, öffentlich zu sprechen.
Was unterscheidet die DBT von klassischer Verhaltenstherapie?
Klassische Verhaltenstherapie fokussiert stark auf Veränderung. Die DBT ergänzt das gezielt um Akzeptanzstrategien und Validierung – die Grundannahme ist, dass Veränderung erst möglich wird, wenn sich jemand zuerst verstanden und angenommen fühlt.
Quellen
- Marsha M. Linehan, Wikipedia (deutschsprachig), Biografie mit Verweis auf das NYT-Interview von 2011. de.wikipedia.org
- Die Dialektisch-Behaviorale Therapie von Marsha Linehan, therapie.de. therapie.de
- Wegbereiterinnen der Psychologie – Marsha Linehan, Deutsche Heilpraktikerschule. deutsche-heilpraktikerschule.de
- Marsha Linehan: Von der Patientin zur Psychologin, Gedankenwelt. gedankenwelt.de
- Marsha M. Linehan: Begründerin der DBT, Wachstum durch DBT. wachstumdurchdbt.jimdofree.com
- Marsha Linehan Biography, GoodTherapy. goodtherapy.org
💬 Fazit & Community-Frage
Marsha Linehans Geschichte zeigt: Die Therapie, die heute Menschen mit Borderline hilft, entstand aus gelebter Erfahrung – nicht nur aus Theorie am Schreibtisch. Das ist vielleicht der Grund, warum DBT sich für viele Betroffene so anders anfühlt als andere Ansätze: Sie wurde von jemandem entwickelt, der wusste, wie es sich von innen anfühlt.
Hat dich Linehans Geschichte überrascht? Und was hat dir persönlich an der DBT am meisten geholfen? Teile deine Erfahrung gerne im Thread.
Über den Autor
Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.
Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!
Schreibt mich gerne an. ![]()