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Medikamente bei Borderline – welche gibt es und was können sie leisten?

  • Shalin
  • 29. Januar 2026 um 19:29
  • 1.892 Mal gelesen
  • 0 Antworten
Medikamente bei Borderline können einzelne Beschwerden dämpfen, behandeln aber nicht die Borderline-Persönlichkeitsstörung selbst. Hier erfährst du, welche Psychopharmaka eingesetzt werden, was Leitlinien und Studien dazu sagen und wie du Nebenwirkungen und Mitsprache im Blick behältst. So kannst du das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt gut vorbereitet führen.
Lesezeit: 22 Minuten
🔄 Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026 – Studienlage und Leitlinien-Stand wurden neu abgeglichen. Die S3-Leitlinie von 2022 wird laut Register derzeit überarbeitet.

Wenn es dir gerade nicht gut geht: Du musst damit nicht allein bleiben. Auf der Notfallseite des Forums findest du Anlaufstellen. Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112.

Medikamente bei Borderline, also Psychopharmaka gegen einzelne Beschwerden, werden häufig verordnet, behandeln aber nicht die Borderline-Persönlichkeitsstörung selbst.[1] Dieser Beitrag erklärt dir verständlich, welche Medikamentengruppen eingesetzt werden, was Leitlinien und Studien dazu sagen und worauf du bei Nebenwirkungen und Mitsprache achten kannst.

📌 Auf einen Blick

  • Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist kein Medikament zugelassen. Verordnungen erfolgen im sogenannten Off-Label-Einsatz, also außerhalb der eigentlichen Zulassung.[2]
  • Psychotherapie gilt in der S3-Leitlinie als Grundlage der Behandlung, Medikamente sollen nicht die primäre Therapie sein.[3]
  • Medikamente werden vor allem bei Begleiterkrankungen oder kurzfristig in akuten Krisen erwogen.[4]
  • Die Belege für Medikamente bei Borderline sind überwiegend schwach: kleine Studien, kurze Laufzeiten, geringe Sicherheit der Ergebnisse.[1][5]
  • Nutzen und Nebenwirkungen sollten regelmäßig gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt überprüft werden.[4]
📋 Inhaltsverzeichnis
  1. Medikamente bei Borderline: Was Leitlinien und Studien empfehlen
  2. Antidepressiva, Neuroleptika und Stimmungsstabilisierer: Wirkung und Grenzen bei Borderline
  3. Welche Beschwerden Medikamente lindern können und wo Psychotherapie gefragt ist
  4. Nebenwirkungen und Mythen: Was du über Psychopharmaka bei Borderline wissen solltest
  5. Selbstbestimmung: Wie du bei Medikamenten mitentscheidest
  6. Häufige Fragen aus der Community
  7. Quellenangaben

Medikamente bei Borderline: Was Leitlinien und Studien empfehlen

Es gibt kein Medikament, das für die Borderline-Persönlichkeitsstörung zugelassen ist.[2] Medikamente kommen deshalb vor allem bei Begleiterkrankungen wie Depression oder Angst oder kurzfristig in akuten Krisen infrage.[4] Die Grundlage der Behandlung bleibt laut Leitlinie eine störungsspezifische Psychotherapie.[3] Ob ein Medikament für dich sinnvoll ist, entscheidest du gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Kein zugelassenes Medikament: Warum Psychotherapie die Grundlage bleibt

Der Wunsch nach einer Tablette, die das Gefühlschaos einfach abstellt, ist nachvollziehbar. Wenn Gefühle dich überfluten, wünschst du dir schnelle Entlastung. Die Studienlage zeigt allerdings, dass Medikamente bei Borderline die Störung als Ganzes nicht behandeln können. Eine große Cochrane-Auswertung (Cochrane ist eine unabhängige Organisation, die alle verfügbaren Studien zu einer Frage zusammenfasst) umfasste 46 Studien mit insgesamt 2.769 Teilnehmenden und fand überwiegend Belege von sehr geringer Sicherheit dafür, dass Medikamente bei den wichtigsten Zielen einen Unterschied machen. Dazu zählen die Stärke der Borderline-Symptome, Selbstverletzung, suizidbezogene Ergebnisse und die Alltagsbewältigung.[1][5]

Was bedeutet das für dich? Es heißt nicht, dass Medikamente keinem Menschen helfen. Es heißt, dass sich ein Nutzen für die Gesamtgruppe bisher nicht verlässlich nachweisen lässt. Studien bilden Durchschnittswerte ab, hinter denen sehr unterschiedliche Erfahrungen stehen können: Manche Menschen berichten von spürbarer Entlastung, andere merken kaum etwas.[5]

Die S3-Leitlinie der Fachgesellschaft DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) ist eine Behandlungsleitlinie der höchsten Qualitätsstufe, an der 23 Fachgesellschaften beteiligt waren. Sie empfiehlt, die Borderline-Störung in erster Linie mit spezifischer, strukturierter Psychotherapie zu behandeln. Medikamente werden ausdrücklich nicht als primäre Therapie empfohlen.[3] Gute Nachweise gibt es besonders für die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), in der du unter anderem Skills lernst, also konkrete Fertigkeiten für den Umgang mit starken Gefühlen. Ähnliches gilt für die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT), bei der du übst, eigene und fremde Gedanken und Gefühle besser zu verstehen, wenn Selbstverletzung oder Suizidalität im Vordergrund stehen.[3] Warum die Fachwelt die Behandlung erster Wahl bei Borderline so einordnet, erklärt ein eigener Beitrag ausführlicher.

Die S3-Leitlinie stammt aus dem Jahr 2022 und wird laut dem Leitlinienregister der AWMF (dem Zusammenschluss der medizinischen Fachgesellschaften) derzeit überarbeitet.[6] Neue Empfehlungen können einzelne Einschätzungen in diesem Beitrag verändern. Wir passen den Text an, sobald eine neue Fassung vorliegt.

Wann Medikamente bei Borderline trotzdem erwogen werden

Dass Medikamente bei Borderline keine Behandlung der Störung selbst sind, heißt nicht, dass sie keinen Platz haben. Die Leitlinien beschreiben vor allem zwei Situationen: Begleiterkrankungen, die eine eigene Behandlung brauchen, und kurzfristige Unterstützung in akuten Krisen.[1][4] Die folgende Liste zeigt, in welchen Lagen Medikamente bei Borderline in der Praxis erwogen werden und wie die Leitlinien dazu stehen.

  • Starke depressive Beschwerden: Bei einer zusätzlichen Depression verweisen die Leitlinien auf die Behandlung, die auch sonst bei Depression üblich ist.[1][4]
  • Zusätzliche Angst- oder Panikstörung: Hier gilt dasselbe Prinzip wie bei der Depression.[1][4]
  • Extreme Stimmungsschwankungen, Impulsdurchbrüche, Wutausbrüche oder sehr hohe innere Spannung: In der Praxis wird dann häufig ein Medikamentenversuch unternommen. Die Studienlage ist dafür dünn, und die britische NICE-Leitlinie (herausgegeben vom National Institute for Health and Care Excellence) rät davon ab, Medikamente gezielt gegen solche Einzelsymptome einzusetzen.[4][5]
  • Dauerhafte Schlafstörungen: Die NICE-Leitlinie nennt zuerst Schlafhygiene, also eine feste Abendroutine und weniger Koffein.[4]
  • Akute Krise: Medikamente können kurzfristig und eng begleitet erwogen werden.[4]

Gerade in Krisen ist wichtig, dass ein Medikament nicht an die Stelle besserer Hilfen tritt. Nach der NICE-Leitlinie sollte nur ein einzelnes Mittel verwendet werden, und die Behandlung wird in der Regel innerhalb von etwa einer Woche beendet. Lässt sich das nicht einhalten, wird regelmäßig überprüft, ob Wirkung und Verträglichkeit noch passen.[4] Auch die S3-Leitlinie sieht vor, ein in der Krise begonnenes Medikament nach dem Abklingen möglichst schnell wieder zu beenden.[3]

Ein Beispiel für den Gedanken dahinter: Eine Nacht voller Anspannung kann ein vorübergehend beruhigendes Mittel rechtfertigen. Ob und welches, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der Arzt. Entscheidend ist, dass danach geklärt wird, was die Krise ausgelöst hat und was dir künftig hilft.

Eine ausführliche Einordnung findest du auch im Beitrag dazu, was Psychopharmaka bei Borderline leisten können. Wenn du dich gerade in einer akuten Krise befindest, nutze bitte zuerst die Hilfen aus dem Kasten ganz oben.

Kurz gesagt: Medikamente bei Borderline behandeln nicht die Störung selbst. Sie können bei Begleiterkrankungen oder kurzfristig in einer Krise ein Baustein sein, eingebettet in Psychotherapie, Skills und stabile Unterstützung.[3][4]

Antidepressiva, Neuroleptika und Stimmungsstabilisierer: Wirkung und Grenzen bei Borderline

Bei Borderline kommen vor allem Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer, atypische Neuroleptika und kurzfristig beruhigende Mittel zum Einsatz. Die Studienlage ist für alle Gruppen begrenzt: Die Effekte sind klein bis mittelgroß, die Belege meist wenig sicher.[1] Deshalb entscheiden Ärztin oder Arzt gemeinsam mit dir, ob ein Versuch sinnvoll ist.

Damit du den Überblick behältst, fasst die folgende Tabelle zusammen, wofür die Gruppen in der Praxis genannt werden und was die Studien bisher zeigen. Danach gehen wir auf jede Gruppe einzeln ein. Wichtig: Die Angaben beschreiben Durchschnittswerte aus Studien, keine Vorhersage für dich. Medikamente bei Borderline wirken von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich.

Medikamentengruppen bei Borderline im Überblick

GruppeIn der Praxis genannte ZieleWas Studien bei Borderline zeigen
AntidepressivaDepression, Angst, Grübeln, AntriebKein belastbarer Effekt, weder auf Borderline-Symptome noch auf Begleitsymptome; Belege von sehr geringer Sicherheit[1][5]
Stimmungsstabilisierer (Antikonvulsiva)Starke Stimmungsschwankungen, ReizbarkeitHinweise auf Effekte bei Depression und Angst, aber geringe bis sehr geringe Sicherheit; kleine Studien[1][5]
Atypische Neuroleptika (Antipsychotika)Innere Anspannung, Dissoziation (Gefühl, neben sich zu stehen), misstrauische GedankenKleine Effekte auf zwischenmenschliche Probleme und dissoziative Symptome, geringe Sicherheit; NICE rät von mittel- und langfristigem Einsatz ab[1][4][5]
BeruhigungsmittelAkute Angst, Unruhe, KrisenNur kurzfristig und unter enger ärztlicher Kontrolle; Abhängigkeitsrisiko bei manchen Mitteln[4]

Zwei Gründe erklären, warum die Belege für Medikamente bei Borderline so dünn sind. Erstens dauerten die meisten ausgewerteten Studien zwölf Wochen oder weniger und hatten nur wenige Teilnehmende.[1] Zweitens schließen viele Studien Menschen mit Begleiterkrankungen aus. Die Autorinnen und Autoren verweisen auf eine frühere Untersuchung, nach der bis zu 76 Prozent der Menschen mit Borderline im Alltag von solchen Studien ausgeschlossen worden wären.[1] Dabei haben die meisten Betroffenen zusätzliche psychische Diagnosen, sodass die Studienergebnisse nicht ohne Weiteres auf deine Situation übertragbar sein müssen.

Antidepressiva bei Borderline: Erfahrung und Studienlage

Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verordneten Psychopharmaka bei Borderline, vor allem wenn zusätzlich eine Depression oder Angststörung besteht.[1] Manche Betroffene berichten, dass sich unter Antidepressiva Stimmung, Antrieb und Grübeln bessern, etwa dass der Morgen weniger schwer beginnt. Diese Erfahrungen sind echt und wichtig.

In den Studien zeigt sich für die Gruppe insgesamt jedoch kein belastbarer Effekt. Weder die Cochrane-Auswertung noch die Folgeauswertung von 2024 fanden bei Borderline-Symptomen wie Impulsivität oder bei Begleitsymptomen wie Depression, Angst oder Dissoziation einen gesicherten Unterschied zu einem Scheinmedikament (Placebo, also einer Tablette ohne Wirkstoff). Die Sicherheit dieser Belege war sehr gering.[1][5] Das heißt nicht, dass ein Antidepressivum bei dir nicht helfen kann, sondern dass sich ein Nutzen bisher nicht sicher belegen lässt.

Wichtig: Setze ein Antidepressivum bitte nicht auf eigene Faust ab. Wenn du es nimmst und dich damit stabiler fühlst, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bevor du etwas veränderst. Bei einer ausgeprägten Depression gelten zudem die üblichen Behandlungsempfehlungen für Depression.[1][4]

Stimmungsstabilisierer bei Borderline: Was die Studien andeuten

Stimmungsstabilisierer sollen starke Auf- und Abwärtsbewegungen der Stimmung glätten. Viele dieser Mittel stammen ursprünglich aus der Epilepsie-Behandlung und heißen deshalb Antikonvulsiva. Hier sind die Hinweise am ehesten ermutigend, aber mit großem Vorbehalt.

Die Cochrane-Auswertung beschreibt, dass Stimmungsstabilisierer zwischenmenschliche Probleme verringern könnten, bei geringer Sicherheit der Belege und einer sehr breiten Unsicherheitsspanne.[5] In der Folgeauswertung zeigten Antikonvulsiva moderate bis große Effekte auf depressive und ängstliche Symptome, bei Depression mit geringer, bei Angst mit sehr geringer Sicherheit. Der Wert für Angst beruhte auf nur drei Studien mit zusammen 104 Teilnehmenden.[1] Dass solche Mittel schnelle Gefühlswechsel, Reizbarkeit oder Aggression abschwächen, wird häufig erhofft. Sicher belegen ließ sich das bisher nicht, die Ergebnisse zu einzelnen Borderline-Symptomen waren uneindeutig.[5]

Neuroleptika bei Borderline: Wofür sie eingesetzt werden und wo Vorsicht gilt

Neuroleptika, heute meist Antipsychotika genannt, wurden ursprünglich für Psychosen entwickelt, also für schwere Störungen, bei denen der Bezug zur Realität zeitweise verloren gehen kann. Bei Borderline kommen vor allem sogenannte atypische Neuroleptika (die zweite Generation) zum Einsatz, die dämpfend auf innere Anspannung wirken können. Manche Betroffene berichten, dass sie in Krisenzeiten kurzfristig entlasten, etwa bei Anspannung, Schlafproblemen, Dissoziation (dem Gefühl, neben sich zu stehen oder von der Umgebung abgeschnitten zu sein) oder misstrauischen Gedanken. Die Dosierung legt die behandelnde Ärztin oder der Arzt individuell fest.

Die Auswertungen zeigen kleine Effekte: Antipsychotika könnten zwischenmenschliche Probleme geringfügig verringern, bei geringer Sicherheit der Belege.[5] In der Folgeauswertung zeigten sich kleine Effekte auf dissoziative und psychotische Symptome (geringe Sicherheit) sowie auf depressive Symptome (sehr geringe Sicherheit). Beim Effekt auf die Depression hing viel von einer einzelnen Studie ab, ohne sie war kaum noch ein Unterschied zu erkennen.[1]

Die britische NICE-Leitlinie rät, Antipsychotika nicht mittel- und langfristig bei Borderline einzusetzen.[4] Unsere Einschätzung daraus: Ein Versuch ist am ehesten als zeitlich begrenzte Phase mit klarem Ziel und regelmäßiger Überprüfung sinnvoll, nicht als Dauerlösung.

Beruhigungsmittel bei Angst und innerer Unruhe: Warum Vorsicht gilt

In akuten Phasen können angstlösende oder beruhigende Medikamente eingesetzt werden. Manche dieser Mittel haben ein Abhängigkeitspotenzial, deshalb sollten sie möglichst nur kurzfristig und unter enger ärztlicher Kontrolle verwendet werden. Als langfristige Lösung eignen sie sich nicht.[4]

Die NICE-Leitlinie empfiehlt für Krisen, ein Mittel mit geringem Abhängigkeits- und Missbrauchsrisiko zu wählen, das bei einer Überdosierung relativ sicher ist, die kleinste wirksame Menge zu nehmen und die Behandlung auf höchstens eine Woche zu begrenzen.[4] Sprich offen an, wenn du Alkohol oder andere Substanzen konsumierst oder in Krisen unsicher bist, ob du sicher mit Tabletten umgehen kannst. Dann lässt sich die Verordnung so gestalten, dass sie zu deiner Situation passt.

Kurz gesagt: Für Medikamente bei Borderline sind die Belege in keiner der vier Gruppen stark. Ein Versuch kann trotzdem sinnvoll sein, wenn er zeitlich begrenzt, klar begründet und regelmäßig überprüft wird.[1][4]

Welche Beschwerden Medikamente lindern können und wo Psychotherapie gefragt ist

Medikamente bei Borderline zielen auf einzelne Beschwerden wie gedrückte Stimmung, Anspannung oder Schlafprobleme. Die tieferen Muster der Borderline-Störung, etwa Beziehungsängste oder ein brüchiges Selbstbild, bearbeitest du vor allem in der Psychotherapie. Beides schließt sich nicht aus, hat aber unterschiedliche Aufgaben.

Beschwerden, bei denen Medikamente in der Praxis versucht werden

Im Alltag werden Medikamente bei Borderline vor allem bei den folgenden Beschwerden ausprobiert. Wie gut das gelingt, ist individuell, und die Studienlage ist, wie oben beschrieben, schwach.[1][5]

  • depressive Beschwerden
  • Angstzustände
  • Schlafprobleme
  • starke innere Spannung
  • Impulsdurchbrüche und Wutausbrüche
  • aggressive oder selbstschädigende Impulse

Bei selbstschädigenden Impulsen wird manchmal ebenfalls ein Medikamentenversuch unternommen. Die Cochrane-Auswertung fand dafür jedoch keine belastbaren Belege: Medikamente machten bei Selbstverletzung als Hauptziel womöglich keinen Unterschied.[5] Unsere Einschätzung: Bei Selbstverletzungsdruck helfen vor allem Skills und therapeutische Unterstützung, Medikamente können höchstens begleiten.

Wobei Medikamente nicht direkt helfen

Es gibt Bereiche, die sich durch eine Tablette kaum erreichen lassen. Dazu gehören Beziehungsprobleme, Identitätsunsicherheit, die Angst vor dem Verlassenwerden, die langfristige Emotionsregulation (also der Umgang mit starken Gefühlen), tief sitzende Glaubenssätze und Folgen von Traumata. Ein Beispiel: Nach einem Streit steigt die Panik auf, dass dich dein Partner verlässt. Ein Medikament kann die Anspannung dämpfen, ändert aber nicht, wie du die Situation deutest und wie du darauf reagierst.

Genau das übst du in einer störungsspezifischen Therapie, zum Beispiel indem du Gefühle benennst, Anspannung mit Skills regulierst und Beziehungsmuster verstehst.[3] Welche Therapieform zu dir passen könnte, kannst du in unserem Vergleich der Therapieformen bei Borderline nachlesen. Wenn dir eine Kombination aus beidem angeboten wird, ist das kein Widerspruch, sondern entspricht dem Gedanken eines Gesamtbehandlungsplans.

Nebenwirkungen und Mythen: Was du über Psychopharmaka bei Borderline wissen solltest

Mögliche Nebenwirkungen und wie du damit umgehen kannst

Wie alle Psychopharmaka können auch Medikamente bei Borderline Nebenwirkungen haben. Nicht jede Person erlebt sie, und erfahrungsgemäß lassen sie sich oft durch eine Dosisanpassung oder einen Wechsel des Mittels verringern. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen:

  • Gewichtszunahme oder Gewichtsabnahme
  • Müdigkeit oder innere Unruhe
  • emotionale Abflachung, also das Gefühl, Freude und Trauer nur gedämpft zu spüren, als wärst du hinter Glas
  • Konzentrationsprobleme
  • sexuelle Funktionsstörungen

Sprich offen mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt über alles, was dich belastet, auch über Themen, die dir unangenehm sind. Leitlinien sehen vor, Nutzen und Nebenwirkungen eines Medikaments regelmäßig gemeinsam zu überprüfen und unwirksame Behandlungen zu beenden.[4] Hilfreich kann sein, dir für ein paar Wochen kurze Notizen zu machen: wann du das Mittel genommen hast, wie du geschlafen hast, wie dein Appetit war und wie sich deine Gefühle anfühlen. So kannst du im Gespräch konkret berichten.

Häufige Mythen über Medikamente bei Borderline

Rund um Medikamente bei Borderline kursieren viele Überzeugungen, die verunsichern. Die folgende Tabelle ordnet drei der häufigsten ein.

Mythen und Einordnung

Verbreitete AnnahmeEinordnung
„Wenn ich Medikamente nehme, brauche ich keine Therapie mehr.“❌ Falsch. Die Leitlinie sieht Psychotherapie als Grundlage. Medikamente können unterstützen, ersetzen sie aber nicht.[3]
„Medikamente verändern meine Persönlichkeit.“❌ Seriös eingesetzte Medikamente sollen Beschwerden lindern, nicht deine Persönlichkeit auslöschen. Manche Mittel können Gefühle dämpfen. Das ist ein Grund, mit der Ärztin oder dem Arzt zu sprechen, kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt.[4]
„Wenn ein Medikament nicht wirkt, bin ich hoffnungslos.“❌ Ebenfalls falsch. Die Wirkung ist individuell, die Studienlage unsicher, und manchmal braucht es mehrere Anläufe. Ein Mittel, das nicht hilft, sollte überprüft und beendet werden. Die NICE-Leitlinie betont zudem, dass Erholung möglich ist.[1][4]

Selbstbestimmung: Wie du bei Medikamenten mitentscheidest

Wenn es um Medikamente bei Borderline geht, ist ein besonders wichtiger Punkt die aktive Einbindung der Betroffenen in Therapieentscheidungen. Die NICE-Leitlinie sieht vor, dass du vor einem Medikament schriftliche Informationen zu Wirksamkeit und möglichen Schäden erhältst und die Möglichkeit hast, darüber zu sprechen.[4] Behandlung sollte transparent, respektvoll und auf Augenhöhe stattfinden. Du darfst:

  • Fragen stellen
  • Medikamente ablehnen oder einen Wechsel ansprechen
  • über Nebenwirkungen sprechen
  • gemeinsam Entscheidungen treffen

Fragen, die du deiner Ärztin oder deinem Arzt stellen kannst

Es fällt vielen Menschen leichter, ein Gespräch vorzubereiten. Diese Fragen können dir als Gerüst dienen, und sie entsprechen dem, was die Leitlinie als Grundlage für eine gemeinsame Entscheidung vorsieht: Zielsymptome, Dauer und Überprüfung vorab abzusprechen.[4]

  • Wogegen genau soll das Mittel helfen, und woran erkennen wir, dass es wirkt?
  • Wie lange probieren wir es aus, und wann überprüfen wir gemeinsam, ob es sinnvoll bleibt?
  • Welche Nebenwirkungen sind möglich, und was tun wir, wenn sie mich belasten?
  • Gibt es Wechselwirkungen mit anderen Mitteln oder mit Alkohol?
  • Wie passt das Mittel zu meiner Psychotherapie und zu meinem Krisenplan?

Fazit: Medikamente bei Borderline können eine Unterstützung sein, sind aber kein Ersatz für Psychotherapie, Skills und stabile Beziehungen. Sie können einzelne Beschwerden dämpfen, vor allem bei Begleiterkrankungen oder kurzfristig in Krisen. Die Studienlage ist jedoch dünn, und die Wirkung ist von Mensch zu Mensch verschieden. Wenn Medikamente eingesetzt werden, dann am besten individuell angepasst, mit klarem Ziel, regelmäßig überprüft und eingebettet in ein therapeutisches Gesamtkonzept. Du bist nicht „zu viel“, nicht „austherapiert“ und nicht falsch: Hilfe darf sich an dich anpassen, nicht umgekehrt.

Frage an die Community: Welche Erfahrungen hast du mit dem Gespräch über Medikamente gemacht, und was hat dir dabei geholfen oder gefehlt?

Häufige Fragen aus der Community

Heißt es, dass meine Borderline nicht schlimm genug ist, wenn ich keine Medikamente bekomme?

Nein. Ob du ein Medikament verordnet bekommst, sagt nichts darüber aus, wie ernst dein Leid ist. Die Leitlinien stellen die Psychotherapie in den Mittelpunkt, Medikamente sind nur in bestimmten Situationen vorgesehen.[3][4] Die Sorge, nicht genug zu leiden, um Hilfe zu verdienen, ist verständlich. Dein Erleben zählt auch ohne Tablette, und wenn du dir mehr Unterstützung wünschst, darfst du das in der Praxis offen ansprechen.

Darf ich ein Medikament absetzen, wenn ich mich emotional taub fühle?

Dieses Gefühl, wie hinter Glas zu leben, wird emotionale Abflachung genannt und gehört zu den möglichen Nebenwirkungen einiger Psychopharmaka. Bitte sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bevor du etwas veränderst, denn bei manchen Mitteln kann ein plötzliches Absetzen Beschwerden auslösen. Erfahrungsgemäß lässt sich oft die Dosis anpassen oder ein anderes Mittel ausprobieren. Es ist völlig in Ordnung, offen zu sagen, dass dir die Wirkung nicht gefällt.

Quellenangaben

  1. Pereira Ribeiro, J. et al. (2025, online 2024): Pharmacological interventions for co-occurring psychopathology in people with borderline personality disorder: secondary analysis of the Cochrane systematic review with meta-analyses. The British Journal of Psychiatry 226(4), 226–237. Auswertung zu Medikamenten bei Begleitsymptomen von Borderline (British Journal of Psychiatry, PMC)
  2. Neurologen und Psychiater im Netz (o. J.): Schweiz: Verbesserte Versorgungslage für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Neurologen und Psychiater im Netz: Behandlungsempfehlungen zur medikamentösen Behandlung bei Borderline
  3. Neurologen und Psychiater im Netz (2023): Borderline spezifisch behandeln. Zusammenfassung der S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung (DGPPN). Neurologen und Psychiater im Netz: Zusammenfassung der S3-Leitlinie Borderline
  4. National Institute for Health and Care Excellence (NICE) (2009): Borderline personality disorder: recognition and management, Clinical guideline CG78, Empfehlungen 1.3.5 bis 1.3.8. NICE-Leitlinie CG78: Empfehlungen zu Borderline-Persönlichkeitsstörung
  5. Stoffers-Winterling, J. M. et al. (2022): Pharmacological interventions for people with borderline personality disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2022(11), CD012956. Cochrane Review: Medikamentöse Behandlung bei Borderline-Persönlichkeitsstörung
  6. DGPPN (2022): S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF-Register-Nr. 038-015, Stand 14.11.2022 (Registereintrag mit Hinweis auf laufende Überarbeitung). S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung im AWMF-Leitlinienregister (038-015)

Redaktionelle Angaben

Hinweise zur KI-Unterstützung

  • Das Beitragsbild wurde KI-generiert.
  • Zur Arbeitsweise: Recherche, Quellenauswahl und inhaltliche Verantwortung liegen bei Shalin. Bei Strukturierung und Formulierung wurde KI unterstützend eingesetzt; jede fachliche Aussage wurde anhand der angegebenen Quellen geprüft.

Zuletzt aktualisiert: 1. Oktober 2026 um 19:03

Über den Autor

Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.

Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!

Ich habe das Forum im Jahr 2021 gegründet, um Menschen mit Borderline sowie ihren Angehörigen einen geschützten Ort für Austausch, gegenseitige Unterstützung und Vernetzung zu bieten. Mein Ziel ist es, ihnen dabei zu helfen, besser mit der Erkrankung umzugehen und sich auf ihrem persönlichen Weg begleitet zu fühlen.

Schreibt mich gerne an. :)

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