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  • Wenn Borderliner den Kontakt abbrechen: Selbstschutz oder nicht?

    • Shalin
    • 12. Januar 2026 um 13:05
    • 2.764 Mal gelesen
    • 6 Antworten
    Ist der Kontaktabbruch bei Borderline ein Akt von Selbstschutz oder Ausdruck der Erkrankung? Dieser Artikel beleuchtet beide Seiten.
    Lesezeit: 3 Minuten

    Wenn Borderliner den Kontakt abbrechen: Selbstschutz oder nicht?

    Kontaktabbrüche gehören zu den schmerzhaftesten Erfahrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Für Angehörige, Freundinnen oder Partnerinnen von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wirken sie oft plötzlich, radikal und unverständlich. Für Betroffene selbst sind sie hingegen häufig von innerem Chaos, Angst, Überforderung und dem verzweifelten Versuch geprägt, sich selbst zu schützen.

    Doch wann ist ein Kontaktabbruch bei Borderline tatsächlich ein Akt von Selbstschutz – und wann ist er Ausdruck von emotionaler Dysregulation, inneren Konflikten oder unbewussten Schutzmechanismen? Dieser Artikel soll beide Seiten beleuchten, Verständnis fördern und Orientierung geben.


    Borderline und Beziehungen: Warum Nähe so schwierig sein kann

    Menschen mit Borderline erleben Beziehungen meist intensiver als andere. Nähe wird stark ersehnt, gleichzeitig aber als potenziell gefährlich empfunden. Dieses Spannungsfeld entsteht nicht aus „Drama“ oder Manipulation, sondern aus tief verankerten emotionalen Erfahrungen.

    Typisch sind:

    • eine ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden
    • gleichzeitig Angst vor Vereinnahmung oder Kontrollverlust
    • ein instabiles Selbstbild
    • starke emotionale Reaktionen auf Zurückweisung oder Kritik

    Beziehungen können sich daher wie ein emotionaler Drahtseilakt anfühlen. Schon kleine Auslöser – ein nicht beantworteter Chat, ein falscher Tonfall, eine gefühlte Grenzüberschreitung – können intensive innere Reaktionen auslösen.


    Der Kontaktabbruch als Notbremse

    Viele Menschen mit Borderline beschreiben den Kontaktabbruch nicht als bewusste Entscheidung gegen eine andere Person, sondern als eine Art inneren Notfallmechanismus. Wenn Gefühle zu stark, zu widersprüchlich oder zu schmerzhaft werden, scheint der einzige Ausweg darin zu liegen, die Situation vollständig zu beenden.

    Ein Kontaktabbruch kann sich anfühlen wie:

    • „Ich halte das emotional nicht mehr aus“
    • „Ich verliere mich selbst in dieser Beziehung“
    • „Wenn ich bleibe, werde ich verletzt oder verletze andere“
    • „Ich muss weg, um nicht kaputtzugehen“

    In diesen Momenten steht oft nicht Rationalität im Vordergrund, sondern Überlebensmodus.


    Wann ist ein Kontaktabbruch Selbstschutz?

    Ein Kontaktabbruch kann Selbstschutz sein – insbesondere dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Zum Beispiel:

    1. Bei emotionalem oder körperlichem Missbrauch
    Niemand ist verpflichtet, in einer schädigenden Beziehung zu bleiben – unabhängig von Diagnose. Wenn Grenzen dauerhaft missachtet, manipuliert oder verletzt werden, ist ein Rückzug legitim.

    2. Bei dauerhafter Überforderung
    Manche Beziehungen triggern alte Traumata oder dysfunktionale Muster so stark, dass Stabilität unmöglich wird. Abstand kann notwendig sein, um sich zu regulieren.

    3. Wenn eigene Grenzen nicht gewahrt werden können
    Menschen mit Borderline haben oft Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen. Ein Kontaktabbruch kann ein verzweifelter Versuch sein, endlich eine klare Linie zu ziehen.

    4. Als therapeutisch begleiteter Schritt
    In manchen Therapiekontexten kann ein zeitlich begrenzter Kontaktabbruch sinnvoll sein – etwa um Abhängigkeiten zu erkennen oder alte Muster zu durchbrechen.

    In diesen Fällen dient der Kontaktabbruch nicht der Bestrafung, sondern dem Schutz der eigenen psychischen Gesundheit.


    Wann ist der Kontaktabbruch eher ein Symptom?

    So wichtig es ist, Selbstschutz ernst zu nehmen, so wichtig ist auch die ehrliche Reflexion. Nicht jeder Kontaktabbruch ist automatisch gesund.

    Ein Kontaktabbruch ist eher Ausdruck der Erkrankung, wenn:

    • er impulsiv im Affekt geschieht
    • er als Reaktion auf gefühlte (nicht reale) Ablehnung erfolgt
    • er dazu dient, Kontrolle zurückzugewinnen oder Schmerz zu vermeiden
    • er regelmäßig wiederholt wird („Push-Pull-Dynamik“)
    • danach starke Schuldgefühle, Leere oder Selbsthass auftreten

    In solchen Fällen schützt der Abbruch kurzfristig vor Schmerz, verstärkt langfristig aber Einsamkeit, Scham und instabile Beziehungen.


    Das innere Erleben Betroffener: Mehr als „einfach gehen“

    Von außen wirkt ein Kontaktabbruch oft kalt oder rücksichtslos. Von innen sieht es meist anders aus.

    Viele Betroffene berichten:

    • inneren Kampf vor dem Abbruch
    • ständiges Grübeln, Zweifel und Schuld
    • Angst, falsch zu handeln
    • gleichzeitig Erleichterung und tiefen Schmerz

    Der Kontaktabbruch ist selten eine einfache Entscheidung. Oft ist er mit dem Gefühl verbunden, keine andere Wahl zu haben.


    Die Perspektive der Zurückgelassenen

    Auch die andere Seite verdient Raum. Menschen, die plötzlich keinen Kontakt mehr haben, erleben häufig:

    • Hilflosigkeit
    • Selbstzweifel („Was habe ich falsch gemacht?“)
    • Trauer und Wut
    • das Gefühl, austauschbar oder wertlos zu sein

    Ein unbegründeter oder nicht erklärter Kontaktabbruch kann tiefe Verletzungen hinterlassen. Das bedeutet nicht, dass Betroffene mit Borderline „schuldig“ sind – aber es zeigt, wie wichtig Kommunikation wäre, wenn sie möglich ist.


    Zwischen Selbstschutz und Verantwortung

    Selbstschutz und Verantwortung schließen sich nicht aus. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen tragen Verantwortung für ihr Verhalten – allerdings im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

    Hilfreiche Fragen zur Selbstreflexion können sein:

    • Was genau triggert mich in dieser Beziehung?
    • Ist der Kontakt objektiv schädlich oder fühlt er sich nur bedrohlich an?
    • Könnte Abstand statt kompletter Abbruch helfen?
    • Habe ich meine Grenzen klar kommuniziert?
    • Was wünsche ich mir eigentlich von dieser Beziehung?

    Diese Fragen sind nicht als Vorwurf gedacht, sondern als Einladung zur Selbstfürsorge mit Blick auf langfristige Bedürfnisse.


    Alternativen zum radikalen Kontaktabbruch

    Nicht jede schwierige Beziehung muss komplett beendet werden. Mögliche Alternativen können sein:

    • klare Kontaktpausen
    • reduzierte Kommunikation
    • schriftliche statt mündliche Absprachen
    • therapeutische Begleitung bei Beziehungskonflikten
    • explizite Grenzsetzung („Das kann ich gerade nicht leisten“)

    Diese Wege sind nicht immer möglich – aber sie können helfen, Beziehungen weniger zerstörerisch zu gestalten.


    Heilung bedeutet nicht Perfektion

    Menschen mit Borderline müssen nicht „perfekt“ kommunizieren oder immer richtig handeln, um wertvoll zu sein. Heilung ist ein Prozess – mit Rückschritten, Lernschritten und neuen Einsichten.

    Kontaktabbrüche können Teil dieses Prozesses sein. Entscheidend ist nicht, ob sie passieren, sondern:

    • ob sie reflektiert werden
    • ob aus ihnen gelernt wird
    • ob langfristig stabilere Strategien entstehen

    Fazit: Ein sensibles Thema ohne einfache Antworten

    Die Frage „Selbstschutz oder nicht?“ lässt sich nicht pauschal beantworten. Kontaktabbrüche bei Borderline bewegen sich oft in einer Grauzone zwischen notwendigem Schutz und krankheitsbedingter Bewältigungsstrategie.

    Was zählt, ist Mitgefühl – für sich selbst und für andere. Verständnis ersetzt keine Verantwortung, aber Verantwortung braucht Verständnis, um wachsen zu können.

    Wenn du selbst betroffen bist: Du bist nicht „schlecht“, weil du Abstand brauchst. Aber du darfst hinterfragen, ob dein Weg dich langfristig schützt oder isoliert.

    Wenn du betroffen bist, weil jemand den Kontakt abgebrochen hat: Dein Schmerz ist real. Du darfst trauern, wütend sein und trotzdem anerkennen, dass der andere möglicherweise nicht anders konnte.

    Heilung beginnt dort, wo beide Seiten gesehen werden.

    Über den Autor

    Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.

    Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!

    Schreibt mich gerne an. :)

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    Antworten 6

    Shalin
    18. Januar 2026 um 05:22

    Habt ihr schon mal zu jemandem den Kontakt abgebrochen, wie gings euch damit und wie im nachhinein?

    Nani
    21. Januar 2026 um 21:23

    Klar hab ich schon mal den Kontakt zu Jemanden abgebrochen, sogar ziemlich oft muss ich leider sagen. Es war auch immer eher aus einem Impuls heraus. Es war nicht wirklich ohne Grund, aber dann doch auf einmal plötzlich und unwiderruflich.

    Zuletzt habe ich nach Weihnachten meinen Partner rausgeworfen und seit dem auch keinen Kontakt mehr zu ihm. Wir kamen gerade vom Weihnachtsbesuch seiner Eltern... Ich war so wütend und konnte mir nicht vorstellen, dass ich ihm jemals wieder vertrauen und unvoreingenommen gegenübertreten könnte. Ich glaube schon, dass es ein Stück weit Selbstschutz ist, damit man sich nicht mit schmerzlichen und verletzenden Themen auseinandersetzten muss, insbesondere, wenn man gerade wie ich keine Kapazität dafür übrig hat.

    Ich hab erst mal Erleichterung empfunden. Etwas später jetzt Grübel ich schon darüber nach, ob ich es vielleicht nicht hätte tun müssen. Aber bei dieser Person kann ich jetzt glaube ich ganz gut damit leben. Es gab auch Kontaktabbrüche, die ich eigentlich im nachhinein nicht wollte, aber die Freundin, dann unwiderruflich entschieden hat, dass es ihr zu viel wird.

    oerbs
    8. Februar 2026 um 14:55

    Ja, ich habe vor knapp 2 Wochen den Kontakt zu meinem Exfreund abgebrochen, weil ich das Hin und Her nach der Trennung (die kurz vor Weihnachten gewesen ist)einfach nicht mehr ausgehalten habe. Er hat sich getrennt, war aber gleichzeitig derjenige, der mir (ob bewusst oder unbewusst)immer wieder Hoffnungen gemacht hat, dass wir doch wieder zusammenfinden. Also hatte ich einerseits Liebeskummer, war andererseits aber in der Situation nicht in der Lage, diesen zu verarbeiten und mich emotional von ihm zu lösen. Im Nachhinein würde ich mir wünschen, dass ich den Kontakt sanfter abgebrochen hätte, denn so habe ich vermutlich einerseits ihn verletzt und andererseits ist da jetzt noch etwas Unausgesprochenes zwischen uns, was ich gerne zum Kontaktabbruch gesagt hätte. Es wäre für mich jetzt aber nicht gut, mich nochmal bei ihm zu melden.

    Also ja: der Kontaktabbruch war Selbstschutz, aber die Art und Weise war nicht gut...

    Socke
    8. Februar 2026 um 16:00

    Warum sollten Borderliner nicht den Kontakt aus Selbstschutz abbrechen dürfen?

    LaFoca
    8. Februar 2026 um 21:53

    Ich finde auch, dass Selbstschutz und Ausdruck der Erkrankung nicht unbedingt ein Widerspruch ist. Wir sind verwundbarer und wenn wir den Kontakt aus Selbstschutz abbrechen hat das auch indirekt mit der Erkrankung zu tun. Das darf auch so sein. Natürlich muss man niemanden ghosten, wie es so schön heißt, aber bevor man sich in gefährliche "letzte Aussprachen" begibt, verdünnt man sich vielleicht wirklich besser.

    Ich habe noch nie einen Kontaktabbruch bereut. Die Art und Weise, wie ich es in jungen Jahren gemacht habe, so würde ich das heute nur bei Menschen machen, die ich für gefährlich halte. Ein schlechtes Gewissen, ja das habe ich in manchen Fällen, aber bereut habe ich es nie.

    LaFoca
    8. Februar 2026 um 21:57

    Doch ich habe mal den Kontakt zu einer fast Freundin abgebrochen, weil ich mir ihr gegenüber so unzulänglich und bedeutungslos vorkam. Das war in meinen Zwanzigern. Das habe ich ziemlich bereut.

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    Über den Artikel diskutieren 6 Antworten, zuletzt: 8. Februar 2026 um 21:57

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