Borderline und Abwehrmechanismen: Warum wir reagieren, wie wir reagieren
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Shalin -
3. Januar 2026 um 03:48 -
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Borderline und Abwehrmechanismen: Warum wir reagieren, wie wir reagieren
Borderline und Abwehrmechanismen sind eng miteinander verbunden. Viele Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) erleben extrem intensive Gefühle, die oft schwer auszuhalten sind. Um diese inneren Spannungen zu regulieren, entwickeln viele Betroffene sogenannte Abwehrmechanismen. Diese Prozesse laufen meist unbewusst ab – sie dienen dem Schutz, können aber gleichzeitig Beziehungen, Selbstwertgefühl und Alltag stark beeinflussen.
In diesem Artikel erfährst du, was Abwehrmechanismen sind, warum sie bei Borderline eine so große Rolle spielen, welche typischen Formen es gibt und wie man lernen kann, besser damit umzugehen.
Was sind Abwehrmechanismen?
Abwehrmechanismen sind psychologische Strategien, die wir nutzen, um uns vor Überforderung, Angst, Scham, Schmerz oder innerer Unsicherheit zu schützen. Sie sind ein natürlicher Bestandteil menschlicher Psyche und kommen bei allen Menschen vor. Bei Menschen mit Borderline treten sie jedoch häufig intensiver, häufiger und extremer auf.
Ursachen dafür sind unter anderem:
- instabile Emotionsregulation
- tief sitzende Angst vor verlassen werden
- traumatische oder belastende Erfahrungen
- schwankendes Selbstbild
- extreme Sensibilität für Ablehnung und Kritik
Abwehrmechanismen entstehen nicht bewusst. Sie sind Teil eines Schutzsystems – ein Versuch der Psyche, in Momenten emotionaler Überflutung stabil zu bleiben.
Warum sind Abwehrmechanismen bei Borderline so stark ausgeprägt?
Menschen mit Borderline erleben Emotionen oft wie „ohne Haut“. Gefühle sind stärker, intensiver und halten länger an. Situationen, die für andere vielleicht nur unangenehm sind, können für Betroffene überwältigend sein. Die Psyche versucht dann, einen „Notfallmodus“ zu aktivieren, um die emotionale Bedrohung abzuwehren.
Besonders häufig geht es dabei um:
- Schutz vor emotionaler Verletzung
- Schutz vor Scham und Schuldgefühlen
- Schutz vor der Angst verlassen zu werden
- Schutz vor innerer Leere oder Identitätsunsicherheit
Abwehrmechanismen sind also Überlebensstrategien – aber sie haben auch einen Preis. Sie können Beziehungen zerstören, zu Missverständnissen führen und Betroffene weiter isolieren.
Typische Abwehrmechanismen bei Borderline
Im Folgenden findest du die häufigsten Abwehrmechanismen, die bei Borderline-Persönlichkeitsstörung auftreten – verständlich erklärt und mit Beispielen.
1. Spaltung (Schwarz-Weiß-Denken)
Spaltung ist einer der bekanntesten Abwehrmechanismen bei Borderline. Dabei wird die Welt in Extreme aufgeteilt:
- Menschen sind entweder „gut“ oder „böse“
- Beziehungen sind entweder perfekt oder zerstört
- Situationen sind entweder traumhaft oder unerträglich
- das eigene Selbst ist entweder wertvoll oder wertlos
Grauzonen, Ambivalenzen und Nuancen sind schwer auszuhalten. Spaltung kann kurzfristig Sicherheit geben, weil sie Ordnung schafft. Langfristig führt sie jedoch zu:
- häufigen Beziehungskonflikten
- starker Idealisierung und plötzlicher Abwertung
- innerer Instabilität
- Vertrauensproblemen
Beispiel: Eine Person ist heute dein Lieblingsmensch – morgen fühlst du dich von ihr zutiefst verletzt und kannst sie kaum ertragen.
2. Projektion
Bei der Projektion werden eigene unerträgliche Gefühle oder Anteile anderen zugeschrieben. Statt zu denken „Ich habe Angst, verlassen zu werden“, entsteht oft das Gefühl:
- „Er oder sie will mich bestimmt verlassen.“
- „Die anderen haben etwas gegen mich.“
- „Alle werden mich irgendwann enttäuschen.“
Projektion schützt kurzfristig vor Schmerz, verstärkt aber langfristig Misstrauen und kann Beziehungen massiv belasten.
3. Idealisierung und Abwertung
Viele Borderline-Betroffene erleben extreme Schwankungen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Am Anfang werden Menschen oft stark idealisiert:
- „Du bist der einzige Mensch, der mich versteht.“
- „Ohne dich kann ich nicht leben.“
Doch kleinste Enttäuschungen können schnell zur Abwertung führen:
- „Du bist wie alle anderen.“
- „Ich kann dir nicht vertrauen.“
- „Du bist schuld an meinem Schmerz.“
Diese Dynamik ist oft kein Ausdruck von Bosheit oder Manipulation, sondern ein verzweifelter Versuch, emotionale Sicherheit zu finden.
4. Dissoziation
Dissoziation ist eine Art inneres Abschalten, wenn Gefühle zu überwältigend werden. Betroffene fühlen sich dann oft:
- wie betäubt
- innerlich leer
- abgetrennt vom eigenen Körper
- wie in einem Film
Dissoziation schützt kurzfristig – kann aber langfristig zu Kontrollverlust führen und das Gefühl verstärken, „nicht richtig da zu sein“.
5. Verdrängung und Vermeidung
Schmerzhafte Erinnerungen, Konflikte oder Gefühle werden weggeschoben. Viele Betroffene vermeiden:
- Nähe
- emotionale Gespräche
- Erinnerungen an traumatische Erlebnisse
- Situationen, in denen sie verletzlich werden könnten
Kurzfristig gibt das Erleichterung – langfristig verhindert es Heilung.
6. Selbstverletzendes Verhalten als Abwehr
Bei Borderline können auch Selbstverletzungen, Essstörungen, Substanzkonsum oder riskantes Verhalten als Abwehrmechanismus dienen. Sie wirken wie ein Ventil:
- Druckabbau
- Regulierung intensiver Emotionen
- Gefühlskontrolle
- Selbstbestrafung
Sie bringen jedoch enorme gesundheitliche, psychische und soziale Risiken mit sich.
Wie wirken Borderline-Abwehrmechanismen auf Beziehungen?
Abwehrmechanismen sind für Betroffene ein Schutzschild – für Angehörige oft schwer zu verstehen. Häufige Folgen:
- wiederkehrende Beziehungskrisen
- starke emotionale Nähe – gefolgt von Distanz oder Rückzug
- Missverständnisse und Vertrauensbrüche
- Angst vor Verlassenwerden auf beiden Seiten
- Gefühl von Unsicherheit und Instabilität
Viele Angehörige fühlen sich hilflos, überfordert oder verletzt – während Betroffene sich gleichzeitig schuldig, unverstanden oder panisch fühlen.
Kann man Abwehrmechanismen verändern?
Ja. Auch wenn sie tiefsitzen, können Menschen mit Borderline lernen:
- Emotionen besser zu regulieren
- Trigger zu erkennen
- Gedanken zu hinterfragen
- Beziehungen stabiler zu gestalten
Sehr hilfreich sind zum Beispiel:
✔ Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Eine der wirksamsten Therapieformen bei Borderline – mit Fokus auf Achtsamkeit, Gefühlsregulation und Umgang mit Krisen.
✔ Schematherapie
Hilft, innere Anteile zu verstehen, alte Muster zu erkennen und neue Strategien zu entwickeln.
✔ Psychotherapie allgemein
Unterstützt dabei, eigene Mechanismen zu verstehen und neue Bewältigungswege zu lernen.
Selbsthilfe: Was kannst du selbst tun?
Auch außerhalb von Therapie gibt es Möglichkeiten, bewusster mit Abwehrmechanismen umzugehen:
- Achtsamkeit trainieren – Gefühle wahrnehmen, bevor sie explodieren
- Tagebuch führen – Gedanken und Reaktionen reflektieren
- Skills nutzen – gesunde Strategien zur Stressbewältigung entwickeln
- darüber sprechen – Austausch in Selbsthilfegruppen oder Foren
- Selbstmitgefühl üben – verstehen, dass Abwehrmechanismen Schutz waren
Wichtig: Veränderungen brauchen Zeit. Selbstvorwürfe helfen nicht – Verständnis für sich selbst dagegen sehr.
Fazit: Abwehrmechanismen bei Borderline verstehen – und heilen
Abwehrmechanismen bei Borderline sind keine „Schwäche“ und kein Zeichen von „Manipulation“. Sie sind psychische Schutzstrategien, die in Situationen von Schmerz, Angst und emotionaler Überforderung entstanden sind. Sie können helfen zu überleben – aber sie können auch verletzen und Beziehungen belasten.
Heilung bedeutet nicht, „perfekt“ zu werden oder nie mehr starke Gefühle zu haben. Heilung bedeutet:
- sich selbst besser zu verstehen
- Emotionen regulieren zu lernen
- sichere Beziehungen aufzubauen
- neue Wege zu finden, statt alte Schutzmechanismen zu brauchen
Wenn du betroffen bist: Du bist nicht allein. Hilfe ist möglich. Und Veränderung auch.
Über den Autor
Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.
Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!
Schreibt mich gerne an. ![]()
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