Stigmatisierung bei Borderline: Woher sie kommt und was wirklich dagegen hilft
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Shalin -
2. Oktober 2025 um 07:19 -
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Stigmatisierung bei Borderline zeigt sich selten laut. Sie steckt in einem hochgezogenen Augenbraue der Therapeutin, in einer Absage vom Ambulanztermin, in dem Satz „Sie übertreiben bestimmt wieder" – und irgendwann auch in den eigenen Gedanken, wenn aus Vorurteilen von außen eine Selbststigmatisierung wird. In diesem Artikel erfährst du, wie Stigmatisierung entsteht, warum sie Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) besonders häufig trifft und was du konkret dagegen tun kannst.
- Stigmatisierung ist die Zuschreibung negativer Eigenschaften aufgrund eines Merkmals – etwa einer Diagnose.
- Menschen mit BPS gehören laut Studienlage zu den am stärksten stigmatisierten psychiatrischen Patientengruppen – auch unter Fachpersonal.
- Selbststigmatisierung entsteht, wenn Betroffene diese Vorurteile verinnerlichen und gegen sich selbst richten.
- Kontakt, Aufklärung und gute Behandlungserfahrungen zählen zu den wirksamsten Mitteln gegen Stigma.
📋 Inhaltsverzeichnis ▼
Was ist Stigmatisierung – und warum trifft sie Borderline besonders hart?
Vom Brandmal zum Vorurteil: die Herkunft des Begriffs
Der Begriff Stigma stammt aus dem Griechischen und bezeichnete ursprünglich ein eingebranntes Zeichen, mit dem Sklaven oder Straftäter äußerlich sichtbar gemacht wurden. Heute meint Stigmatisierung etwas Unsichtbares, aber nicht weniger Wirksames: die Verknüpfung eines Merkmals – etwa einer psychiatrischen Diagnose – mit negativen Eigenschaften wie „unberechenbar", „manipulativ" oder „selbst schuld".[6] Dieser Prozess läuft über drei Ebenen: die öffentliche Stigmatisierung durch das direkte Umfeld, die strukturelle Stigmatisierung durch Institutionen und Gesetze, sowie die Selbststigmatisierung, bei der Betroffene die Vorurteile gegen sich selbst richten.
Stigmatisierung ist dabei kein Zufall, sondern folgt einem erlernten Muster der Gruppenbildung: Ein „Wir" grenzt sich von einem „Die" ab, um sich selbst als überlegen zu erleben. Kinder zeigen diese Tendenz noch kaum – sie entwickelt sich erst durch Erziehung und gesellschaftliche Prägung. Wo Leistung und Normkonformität besonders hoch bewertet werden, fällt die Abgrenzung gegenüber „Andersartigkeit" entsprechend stärker aus.
Warum Borderline zu den am stärksten stigmatisierten Diagnosen zählt
Unter allen psychiatrischen Diagnosen gehört die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu den am stärksten mit Vorurteilen belegten. Eine australische Forschungsgruppe entwickelte eigens ein Messinstrument für Vorurteile gegenüber Menschen mit BPS, weil bestehende Stigma-Skalen für andere Erkrankungen das Ausmaß der Ablehnung nicht abbildeten – Betroffene erleben demnach sowohl aus der Gesellschaft als auch von medizinischem Fachpersonal überdurchschnittlich starke Vorurteile und Diskriminierung.[2] Auch die deutsche S3-Leitlinie zur Borderline-Persönlichkeitsstörung benennt das Problem ausdrücklich: Die Etikettierung als „Borderline-Patient" kann langanhaltende negative Folgen haben, etwa den Verlust von Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen, weshalb die Leitlinie besondere Sorgfalt bei Diagnosemitteilung und Umgang mit dem Diagnosebegriff empfiehlt.[1] Ein Grund dafür liegt in den Symptomen selbst: Impulsivität, intensive Gefühlsschwankungen oder Selbstverletzung werden von Außenstehenden häufig als Charakterschwäche fehlgedeutet, statt als Folge einer nicht ausreichend entwickelten Emotionsregulation erkannt zu werden.
Stigmatisierung im Gesundheitswesen
Das Etikett „schwieriger Patient" – Vorurteile mit Wirkung
Gerade dort, wo Betroffene Hilfe erwarten dürfen, erleben viele von ihnen Ablehnung. Menschen mit BPS werden im Versorgungssystem überdurchschnittlich oft als „schwierige Patienten" eingeordnet – als anstrengend, übergriffig, dramatisierend oder verantwortungsscheu. Eine griechische Untersuchung unter Fachpersonal aus dem psychiatrischen Bereich fand, dass Menschen mit BPS von einem Teil der Behandelnden als ineffektiv, unaufrichtig, unmoralisch oder schwer erträglich eingeschätzt wurden – Einstellungen, die auch mit Ekelempfinden gegenüber bestimmten Symptomen zusammenhingen.[2] Studien zu Pflegepersonal beschreiben zudem, dass fehlende oder einmalige Schulungen kaum ausreichen: Ohne kontinuierliche Begleitung und Supervision fallen viele Behandelnde nach kurzer Zeit wieder in alte Denkmuster zurück, was die institutionelle Stigmatisierung dieser Diagnosegruppe verstärkt.[4]
Wie Vorurteile Diagnose und Behandlung beeinflussen
Die Folgen solcher Zuschreibungen sind konkret: Manche Praxen lehnen die Behandlung von Menschen mit BPS grundsätzlich ab, andere setzen Therapien vorzeitig und ohne fachliche Weitervermittlung ab. Untersuchungen zu Schulungsprogrammen für Behandelnde zeigen im Umkehrschluss, dass sich Einstellungen durch gezielte Fortbildung und mehr direkten Kontakt mit Betroffenen deutlich verbessern lassen – in einer kanadischen Studie mit dreistündigem Workshop zu BPS und Dialektisch-Behavioraler Therapie (DBT) sank die gemessene Stigmatisierung gegenüber BPS-Patient:innen signifikant, sogar stärker als die allgemeine Stigmatisierung psychischer Erkrankungen.[3] Das zeigt: Vorurteile im Gesundheitswesen sind kein unveränderliches Schicksal, sondern beeinflussbar – was jedoch nichts daran ändert, dass Betroffene aktuell noch häufig auf schlecht informiertes Personal treffen und Ablehnung, Bagatellisierung oder sogar den offenen Vorwurf der Übertreibung erleben.
Selbststigmatisierung – wenn Vorurteile nach innen wandern
Der Teufelskreis aus Scham und Rückzug
Eine der belastendsten Folgen gesellschaftlicher Vorurteile ist die Selbststigmatisierung: Betroffene übernehmen die von außen kommenden Zuschreibungen und richten sie gegen sich selbst. Aus „Borderliner sind manipulativ" wird dann der innere Gedanke „Ich bin manipulativ, egal was ich fühle." Fachleute bezeichnen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen deshalb oft als „zweite Krankheit" – eine Belastung, die parallel zur eigentlichen Erkrankung verläuft und diese in vielen Fällen sogar verschlimmert, weil Betroffene aus Scham seltener Hilfe suchen und ihr Rückzugsverhalten verstärken.[5] Wer wiederholt erlebt, mit seinem Leidensdruck nicht ernst genommen zu werden, lernt daraus mitunter die falsche Lektie: dass die eigene Hilflosigkeit selbst unangemessen sei – statt zu erkennen, dass die Reaktion des Umfelds das eigentliche Problem war.
Woran du Selbststigma bei dir erkennen kannst
Selbststigmatisierung zeigt sich oft leise: im Gedanken, man sei „zu viel" für andere Menschen, in der Angst, die eigenen Gefühle könnten übertrieben oder erfunden sein, oder im Zögern, überhaupt über die Diagnose zu sprechen. Manche Betroffene meiden aus dieser Angst heraus sogar den Austausch in Selbsthilfegruppen oder Foren – aus Sorge, dort ebenfalls verurteilt zu werden. Fachlich betrachtet ist Selbststigma keine charakterliche Schwäche, sondern die Internalisierung öffentlicher Vorurteile – ein psychologischer Prozess, der ebenso behandelbar ist wie andere Symptome auch, etwa durch Psychoedukation und den gezielten Austausch mit anderen Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Was du konkret tun kannst
Im Kontakt mit Ärztinnen, Ärzten und Therapeutinnen
Wenn du merkst, dass eine Behandlungsbeziehung dir nicht guttut, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf einige Fragen: Fühlst du dich mit deinen Gefühlen ernst genommen, oder werden sie relativiert? Macht dir die behandelnde Person unangemessen enge Vorschriften? Bleibt ein Konflikt bestehen, obwohl du ihn ansprichst? Diese Anzeichen können, gerade wenn sie sich wiederholen, auf eine belastende statt hilfreiche Beziehung hindeuten. Du musst diese Erkenntnis nicht sofort in Konsequenzen umsetzen – aber du darfst dir erlauben, sie ernst zu nehmen. Ein Wechsel der Praxis ist kein Scheitern, sondern manchmal der einzige Weg zu einer Behandlung, die dir tatsächlich hilft. Auch das Einfordern einer nachvollziehbaren Begründung bei einer Ablehnung – etwa fehlende Spezialisierung statt pauschaler Abweisung – ist ein legitimes Recht.
Im Alltag, in der Familie und im Beruf
Nicht jede Situation erfordert vollständige Offenheit über die Diagnose. Es ist völlig in Ordnung, selbst zu entscheiden, wem gegenüber du wie viel offenlegst – im Job reicht oft der Hinweis auf eine psychische Belastung, ohne dass eine konkrete Diagnose genannt werden muss. Gegen die eigene Selbststigmatisierung hilft häufig der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, etwa in einem moderierten Forum oder einer Selbsthilfegruppe: Er zeigt, dass die eigenen Gefühle nicht „zu viel", sondern nachvollziehbar sind. Studien zur Verringerung von Stigmatisierung bestätigen durchgehend, dass persönlicher Kontakt zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen – ob im echten Leben oder in gut moderierten Online-Räumen – zu den wirksamsten Strategien gegen Vorurteile zählt.[5]
Ausblick: Wege aus der Stigmatisierung
Was gegen Stigma wirklich hilft
Forschung zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen zeigt seit Jahren ein konsistentes Bild: Aufklärung allein reicht nicht aus, wenn sie nur Wissen vermittelt. Wirksamer sind Programme, die Wissen mit direktem, persönlichem Kontakt zu Betroffenen verbinden – genau dieser Kombination aus Information und Begegnung schrieb auch eine internationale Fachkommission zur Beendigung von Stigmatisierung im Bereich psychischer Gesundheit die größte Wirkung zu.[6] Für das Gesundheitswesen bedeutet das konkret: Schulungen, die Fachpersonal in direkten Kontakt mit stabilisierten Betroffenen bringen, verändern Einstellungen nachhaltiger als reine Theorievermittlung.
Was sich bereits verändert
Es gibt Fortschritte: Die S3-Leitlinie zur Borderline-Persönlichkeitsstörung berücksichtigt das Stigma-Risiko inzwischen ausdrücklich in ihren Behandlungsempfehlungen, etwa bei der frühen Diagnosestellung im Jugendalter.[1] Fachgesellschaften und Aktionsbündnisse setzen sich zunehmend gezielt für eine bessere Versorgung und weniger Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen ein, und spezialisierte Trainingsprogramme für Behandelnde – etwa zu DBT-Grundlagen – zeigen messbar bessere Einstellungen gegenüber Menschen mit BPS.[3] Der Weg zu einer Versorgung ohne Vorurteile ist noch lang, aber er ist kein Stillstand – jede gute Behandlungserfahrung, jedes offene Gespräch und jeder informierte Austausch trägt dazu bei, das Bild von Borderline in Klinik und Gesellschaft realistischer werden zu lassen.
Häufige Fragen aus der Community
Muss ich meinem Therapeuten sagen, dass ich schon mal abgelehnt wurde?
Nein, das musst du nicht. Es kann aber helfen, offen anzusprechen, wie wichtig dir ein wertschätzender Umgang ist – so merkst du schneller, ob die neue Behandlungsbeziehung anders verläuft.
Bin ich wirklich „zu viel" oder bilde ich mir das nur ein?
Dieser Gedanke ist selbst ein typisches Zeichen von Selbststigmatisierung. Deine Gefühle sind nicht „zu viel" – sie sind intensiv, weil deine Emotionsregulation anders arbeitet. Das ist ein Symptom, kein Charakterfehler.
Wie gehe ich damit um, wenn Familie oder Freunde abwertend über Borderline reden?
Du entscheidest, wie viel Aufklärungsarbeit du leisten möchtest – du bist dazu nicht verpflichtet. Manchmal hilft ein kurzer, sachlicher Hinweis, manchmal ist es in Ordnung, das Thema einfach zu wechseln, um dich selbst zu schützen.
Quellenangaben
- DGPPN (Hrsg.) für die Leitliniengruppe: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, AWMF-Registernummer 038-015, Version 1.0, 2022. Zur Leitlinie
- Prejudice toward people with borderline personality disorder: Application of the prejudice toward people with mental illness framework. PMC. Zur Studie
- Stigma towards borderline personality disorder: effectiveness and generalizability of an anti-stigma program for healthcare providers. PMC. Zur Studie
- Addressing Stigma in Borderline Personality Disorder Requires Ongoing Support for Nurses. PMC. Zur Studie
- Stigmatisierung psychischer Erkrankungen: Die „zweite Krankheit". Deutsches Ärzteblatt. Zum Artikel
- Psychisch Kranke: Stigma erschwert Behandlung und Integration. Deutsches Ärzteblatt. Zum Artikel
Wie erlebt ihr Stigmatisierung – im Kontakt mit Fachpersonal, in der Familie oder im Job? Und was hilft euch dabei, euch dagegen zu wehren? Teilt eure Erfahrungen und Strategien gerne im Forum.
Über den Autor
Hey, ich bin Shalin, 1982 geboren, komme aus Niedersachsen und bin seit 2004 in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Seit 2005 steht die Diagnose „emotionale instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus“ bei mir. Tagsüber besuche ich eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ansonsten verbringe ich meine Zeit gerne am Computer und im Internet, treffe mich mit Freunden oder genieße die Zweisamkeit mit meiner Partnerin. Ich telefoniere gerne, schaue DVDs und höre Musik.
Schon seit Jahren beschäftige ich mich auf unterschiedliche Weise mit dem Krankheitsbild. Informiert bin ich nicht nur durch persönliche Erfahrungen und Psychoedukation, sondern auch durch den direkten Kontakt mit anderen Betroffenen. Außerdem recherchiere ich im Internet und lese Fachliteratur. Ich freue mich darauf, mein Wissen zu erweitern, Erfahrungen zu teilen und interessante Gespräche zu führen!
Ich habe das Forum im Jahr 2021 gegründet, um Menschen mit Borderline sowie ihren Angehörigen einen geschützten Ort für Austausch, gegenseitige Unterstützung und Vernetzung zu bieten. Mein Ziel ist es, ihnen dabei zu helfen, besser mit der Erkrankung umzugehen und sich auf ihrem persönlichen Weg begleitet zu fühlen.
Schreibt mich gerne an. ![]()
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