1 Stigmatisierung
Stigmatisierung bezeichnet die gesellschaftliche oder zwischenmenschliche Abwertung, Ausgrenzung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund eines bestimmten Merkmals. Bei psychischen Erkrankungen entstehen Stigmatisierungen häufig durch Vorurteile, Unwissenheit oder falsche Vorstellungen über psychische Erkrankungen.
Ein Stigma kann dazu führen, dass Betroffene nicht nur mit den eigentlichen Beschwerden kämpfen, sondern zusätzlich mit den Reaktionen ihrer Umwelt.
1.1 Stigmatisierung bei psychischen Erkrankungen
Typische Vorurteile können sein:
- „Psychisch Kranke sind unberechenbar.“
- „Die Person muss sich einfach zusammenreißen.“
- „Depression ist nur schlechte Laune.“
- „Borderline bedeutet Manipulation.“
- „Wer Therapie braucht, ist schwach.“
- „Psychische Erkrankungen sind selbst verschuldet.“
Solche Aussagen vereinfachen komplexe psychische Erkrankungen und können Betroffene verletzen.
1.2 Formen der Stigmatisierung
Öffentliche Stigmatisierung
Vorurteile und negative Einstellungen in der Gesellschaft können dazu führen, dass Menschen beispielsweise im sozialen Umfeld oder im Arbeitsleben benachteiligt werden.
Selbststigmatisierung
Betroffene übernehmen negative Vorstellungen über psychische Erkrankungen und richten sie gegen sich selbst.
Gedanken können beispielsweise sein:
Zitat„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Zitat„Ich bin weniger wert als andere.“
Zitat„Niemand wird mich wegen meiner Erkrankung akzeptieren.“
Institutionelle Stigmatisierung
Vorurteile können auch in Institutionen oder Strukturen auftreten und den Zugang zu Unterstützung oder gesellschaftlicher Teilhabe erschweren.
1.3 Folgen von Stigmatisierung
Stigmatisierung kann unter anderem zu:
- Scham
- sozialem Rückzug
- Einsamkeit
- vermindertem Selbstwertgefühl
- Angst vor Ablehnung
- Geheimhaltung der Erkrankung
- verspäteter Behandlung
- Schwierigkeiten im Berufsleben
- Problemen in Beziehungen
führen.
Besonders problematisch kann die Angst vor Stigmatisierung sein. Ein Mensch sucht möglicherweise keine Hilfe, weil er befürchtet, als „krank“, „schwach“ oder „anders“ abgestempelt zu werden.
1.4 Stigmatisierung bei Borderline
Menschen mit Borderline erleben teilweise besonders starke Vorurteile. Begriffe wie „manipulativ“, „aufmerksamkeitsbedürftig“ oder „schwierig“ werden manchmal pauschal verwendet.
Solche Zuschreibungen können die betroffene Person auf ein bestimmtes Verhalten reduzieren und die tatsächlichen Emotionen, Bedürfnisse und Ursachen dahinter übersehen.
Wichtig ist:
Ein problematisches Verhalten kann benannt und begrenzt werden, ohne den Menschen als Person abzuwerten.
1.5 Was kann gegen Stigmatisierung helfen?
Aufklärung
Wissen über psychische Erkrankungen kann Vorurteile reduzieren.
Offene Kommunikation
Wenn Menschen sicher darüber sprechen können, kann psychische Gesundheit zunehmend als normaler Bestandteil menschlicher Gesundheit verstanden werden.
Differenzierte Sprache
Nicht „der Borderliner“ oder „die psychisch Kranke“, sondern beispielsweise:
Zitat„ein Mensch mit Borderline-Persönlichkeitsstörung“
Die Person steht im Vordergrund, nicht die Diagnose.
Begegnung und Erfahrung
Direkter Kontakt mit Menschen mit psychischen Erkrankungen kann stereotype Vorstellungen korrigieren.
Selbstvertretung
Betroffene können ihre Bedürfnisse, Grenzen und Rechte selbstbewusst vertreten – sofern und soweit sie das möchten.
1.6 Selbststigmatisierung überwinden
Ein wichtiger Schritt kann sein, die eigene Diagnose nicht als Bewertung der eigenen Person zu betrachten.
Eine Diagnose bedeutet:
Zitat„Ich habe eine psychische Erkrankung.“
Sie bedeutet nicht:
Zitat„Ich bin meine Erkrankung.“
Die Erkrankung kann ein Teil der eigenen Lebensgeschichte sein, aber sie definiert nicht den gesamten Menschen.
1.7 Stigma und Recovery
Die Verringerung von Stigmatisierung kann ein wichtiger Bestandteil von Recovery sein. Selbstwert, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe werden leichter, wenn Menschen nicht ständig das Gefühl bekommen, sich für ihre psychische Erkrankung rechtfertigen zu müssen.
Merksatz:
ZitatEine psychische Erkrankung ist keine Charakterschwäche. Ein Mensch verdient Respekt und Würde unabhängig von einer Diagnose.